Coworking4You bietet Raum zum Arbeiten, vor allem aber ein Netzwerk, das sich gegenseitig unterstützt

Manchmal ist Bernd Rützel selbst überrascht, was aus seiner Idee geworden ist. Was vor gut drei Jahren als ein „Ich muss auch als Rentenbezieher noch etwas Sinnvolles tun“ begann, hat sich zu einer Community mit über 40 Mitgliedern entwickelt. „Trotzdem, wenn ich sage, ich arbeite in einem Coworking-Space, denken manche noch immer, ich fahre ins Luft- und Raumfahrtzentrum“, sagt Werbefachmann und Coworking-4You-Gründungsmitglied Dirk Reichardt lachend. Geboren wurde die Coworking-Idee in den USA. Von New York aus verbreitete sie sich in europäische Metropolen – und im März 2015 nach Overath-Untereschbach. Dort fiel sie auf äußerst fruchtbaren Boden. 

Worum geht es? Rein äußerlich zunächst darum, mehreren voneinander unabhängigen Menschen Raum zum Arbeiten zu geben: von zwei mal vier Stunden im Monat bis zum eigenen Büro 24/7. Dafür stellt Bernd Rützel 500 Quadratmeter Büro-fläche plus 150 für Events zur Verfügung, in denen vormals sein eigenes Unternehmen beheimatet war. Inbegriffen sind Schreibtisch, Rollschrank, 200 Mbit-Datenleitung und Internet-Telefonie. Unter den 42 Mitgliedern vertreibt der eine künstliche Knie, der andere Ingenieursleistungen für erneuerbare Energien, die Nächsten sind Experten für Personalentwicklung, Webdesign oder Gesundheit – ein bunter Mix an Menschen, die weder zu Hause noch in einem eigenen Büro arbeiten möchten.

Das wichtigste Mitglied kommt aus Italien und kocht Kaffee. Der rot lackierte Vollautomat hat Symbolcharakter für all das, was über das reine Raumkonzept hi-nausgeht. Da wären zunächst die weltweit anerkannten Coworking-Grundwerte: Nach-haltigkeit, Zusammenarbeit, Gemeinschaft, Offenheit und Zugänglichkeit. Große Wörter, doch in diesem Fall sind sie mit Leben hinterlegt.

Christian Gollmer ist Nachhaltigkeitsberater, kommt aus Köln, arbeitet bundesweit und hat gerade ein eigenes Büro in Bergisch Gladbach aufgemacht. Trotzdem will er auf jeden Fall Coworking4You-Mitglied bleiben. „Die Ideen, die wir hier entwickeln, lassen mich immer neu überprüfen, wo ich stehe und was ich noch tun kann“, sagt er. „Ich habe ‚Übungsobjekte‘ für neue Kundengespräche und ich kann in geschützter Umgebung Fehler machen.“

Oder Martina Baehr, die rund um -Change Management berät, coacht und Seminare anbietet. „Aus Denkkästchen herauskommen“ ist eines ihrer Themen und genau das spiegelt sich für sie im Coworking wider. Es ist das Schicksal vieler Freiberufler und Kleinunternehmer, im stillen Kämmerlein vor sich hin zu arbeiten. Auf der Strecke bleiben Feedback, Blickwechsel, Bestätigung und Kritik. Genau das passiert bei Coworking4You – mal gezielt, mal zufällig, mal bei einem spontanen Kaffee. „Und es ist immer anders als das Feedback von Familie oder Freunden“, sagt Dirk Reichardt.

  Foto: Grunewald

Foto: Grunewald

Das ist das eine. Das andere ist die direkte praktische Unterstützung im täglichen Alltag. „Man bekommt kurzfristig für jedes Problem eine Lösung“, sagt die Sachverständige Katja Grotjohann. Wer allein arbeitet, fragt Google. Wer bei Coworking4You arbeitet, fragt: „Kennt ihr vielleicht jemanden, der …?“ Fast immer kennt jemand jemanden. Oder es geht auch mal eine Leistung zum Freundschaftspreis über den Schreibtisch oder im Tauschhandel: Text gegen Design, Logo gegen Suchmaschinenoptimierung, Zuhören gegen Feedback. 

Das Dritte schließlich ist, dass sich die Gemeinschaft als eine offene ansieht. Das Coworking4You-Frühstück war von Beginn an eine Institution. Einmal im Monat öffnet die Community die Türen für alle: Unternehmer aus der Nachbarschaft, Freunde, Interessierte an Räumen und Themen oder einfach nur Neugierige, für die Coworking-Space noch nach Raumfahrt klingt. 

„Jetzt habe ich ein Team von Leuten mit allen möglichen Themen.“
Coworking4You-Gründer, Bernd Rützel

Inzwischen nehmen Gäste bis zu 30 Kilometer Anfahrt in Kauf. Coworking4You hat sich herumgesprochen. Nicht nur, um gemeinsam Brötchen zu essen. Beim Frühstück kommen Angebot und Nachfrage, Probleme und Lösungen, Coworker und Kunden zusammen. „Es gibt nicht zu wenige Kunden da draußen“, sagt Bernd Rützel. „Die Kunden müssen nur wissen, wo sie Lösungen für ihre Probleme finden.“ Das Frühstück ist inzwischen ergänzt durch einen After Work Coffee freitagnachmittags, den „Jelly Day“ zum Probe-Coworken, Hausmesse, Workshops und eine hohe Präsenz in sozialen Medien. 

Bernd Rützel ist bei all dem mehr als ein Vermieter und weniger als ein Chef. Am ehesten ist er so etwas wie ein Katalysator, der die Strippen seines geschaffenen Netzwerkes kennt und sie immer wieder gerne neu verdrahtet. Mit einem Mix aus Unternehmergeist und Rentnerruhe genießt er höchsten Respekt in der Community. Dazu gehört auch sein außergewöhnliches Angebot für praktizierte Work-Life-Balance: Coworking an bestimmten Wochen im Jahr in seinen Häusern auf Mallorca oder im italienischen Ligurien. Im Schatten von Olivenbäumen hat auch die gegenseitige Inspiration noch mal eine andere Qualität.

„Ich habe selbst eine ziemliche Lernkurve mitgemacht“, sagt Rützel. Bis vor Kurzem arbeitete er für Gemalto, den weltweit größten Anbieter von Chipkarten, dem er zuvor sein eigenes Unternehmen verkauft hatte. „Jetzt habe ich ein Team von Leuten mit allen möglichen Themen“, sagt der IT-Experte. Und doch kristallisiere sich beständig wieder das eine Thema heraus: „Es geht immer um Menschen. Digital an sich löst erst mal gar nichts. Manchmal ist es auch der Kaffee.“

Dass sich seine Unternehmernase bei der Gründungsidee nicht getäuscht hat, beweisen ein ständig steigender Cashflow und Google. Laut Google Trends wird in der Suchmaschine häufiger der Begriff „Coworking“ eingegeben als „Büro mieten“. Für Bernd Rützel selbst ist der beste Beweis jedoch das Feedback der Mitglieder. Es geht immer um Menschen.


Gemeinsam

Das neueste Projekt, das Bernd Rützel initiiert hat, nennt sich Zukunfts-Community. Angesprochen sind Menschen, Vereine und Unternehmen, die die Angebote von Coworking4You nicht benötigen, aber die Vorteile einer engagierten Community erleben möchten. Ziel ist eine Plattform, um Know-how, Ideen und Blickwinkel rund um Zukunftsthemen auszutauschen und neue Lösungsansätze für die Region zu finden. 

Mögliche Themen reichen dabei von Elektromobilität über Automatisierung der Arbeitswelt bis zu Fragen, wie sich Unternehmen attraktiv für neue Mitarbeiter aufstellen können oder welche zukünftigen Berufsbilder unsere Kinder erwarten. „Wir müssen die Zukunft positiv und als Chance sehen und sie aktiv gestalten“, sagt Rützel, „denn wir sind schon mittendrin.“ Die Ergebnisse der Community sollen auch in den Kreis hinausgetragen werden, zum Beispiel mit Events, die durch Mitgliedsbeiträge finanziert werden.

Olper Str. 33
51491 Overath
Kontakt zu Bernd Rützel
über +49 172 2504202
oder freitags ab 15 Uhr
beim After Work Coffee.
www.coworking4you.de