„Auch mal altbekannte Dinge über Bord werfen“ – Vom Mut, Dinge im Unternehmen neu zu denken

Mut – ein Begriff, der an diesem Abend Ende Mai in der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach häufig fällt: Mut zum Neudenken, Mut zur Veränderung, Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen, und auch Mut, Fehler zu machen. Die RBW hatte in Kooperation mit dem Region Köln/Bonn e. V. zum Wirtschaftsforum geladen. Thema an dem Abend: Innovationen und deren Entwicklung und Umsetzung im Unternehmen. Rund 100 Interessierte aus Wirtschaft, Politik und von verschiedenen Organisationen waren der Einladung gefolgt. „Neue Technologien und gesellschaftliche Entwicklungen kommen auf Sie zu – Herausforderungen, denen Sie sich als Unternehmerinnen und Unternehmer stellen müssen, wenn Sie Ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit erhalten möchten“, eröffnete Volker Suermann in seiner Begrüßung. Aber eine Innovationskultur im Unternehmen sei kein Standardprodukt, bekräftigte der RBW-Geschäftsführer. Unternehmen müssten individuelle Lösungen finden. Suer-mann ermutigte: „Mit diesem Wirtschaftsforum möchten wir Sie deshalb unbedingt motivieren, gerade jetzt in neue Technologien, neue Prozesse und neue Produkte sowie neue Dienstleistungen zu investieren.“ Landrat Stephan Santelmann betonte in seinem Grußwort, dass es dabei nicht nur auf die Unternehmensführung ankomme. „Der kreative Geist sollte eine gemeinsame Haltung aller sein. Motivieren Sie Ihre Mitarbeiter, Dinge auch mal neu zu sehen und ihr kreatives Potential einzubringen.“

„Bei meinen Unter­nehmensbesuchen erlebe ich die bergische ­Tüftlermentalität und den kreativen ­Unternehmergeist.“
Stephan Santelmann, Landrat Rheinisch-Bergischer Kreis/span>

Sehr viel Input für kreatives Neudenken lieferte dann der Gastredner des Abends, Prof. Dr. Frank Piller von der RWTH Aachen/Lehrstuhl Technologie- und Innovationsmanagement – und servierte dem Publikum auch gleich die vier Todsünden der Innovation auf dem Silbertablett: Trägheit, Hochmut, Neid und Völlerei. Für Unternehmen, die meinen, sich nicht mit Innovationen auseinandersetzen zu müssen, hatte Piller eine klare Ansage: „Wenn sich ein Unternehmen damit brüstet, man sei 128 Jahre alt, der größte Arbeitgeber in der Region und Weltmarktführer in seiner Nische – dann ist meine Antwort darauf: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind bald tot!“ Warum tun sich gerade etablierte Unternehmen oft schwer mit radikalen Innovationen? Diese Frage stellte der Experte dem Publikum und lieferte die Antwort gleich mit: Der Fokus auf optimierte Entwicklungsprozesse und die Minimierung der Entwicklungszeit führten zu einer hohen Risiko-aversion, sagte Piller. Die Unternehmen gingen lieber auf Nummer sicher und förderten entsprechend auch nur die Innovationsprojekte, die als sicher erscheinen. Die Projekte, die wirklich innovativ sind und im Markt tatsächliche Differenzierung bieten, blieben damit häufig auf der Strecke, so Piller.

„Sie sind 128 Jahre alt, der größte Arbeitgeber in der Region und Weltmarktführer in einer Nische? Herzlichen Glückwunsch, Sie sind bald tot!“
Prof. Dr. Frank Piller,RWTH Aachen/span>

Was also tun? Ideen- oder Kreativitätsworkshops führen laut Professor Piller nicht unbedingt zum gewünschten Ziel: „Ich hasse Ideenworkshops! Die meisten denken, viele Ideen sind eine Innovation. Das ist Quatsch! Innovation ist keine Idee. Innovation ist eine umgesetzte und erfolgreich am Markt platzierte Idee!“ Piller empfahl den Unternehmen daher sogenannte agile Innovationsprozesse, die experimentelles, zielgerichtetes Lernen und Ausprobieren fördern. Zentral sei dabei aber Offenheit als Kernkompetenz und ein grundsätzliches Umdenken: „Als Unternehmer muss ich zugeben, dass ich in einer Welt lebe, in der ich nicht mehr planen kann“, sagte der Experte. Nur mit einer fundamentalen Abkehr vom Paradigma der klassischen Planung ließen sich neue Ansätze entwickeln und sei radikale Innovation letztendlich realisierbar, so das Fazit von Professor Piller.

Von der Theorie zur Praxis: Wie funktioniert denn nun Innovation im Unternehmen? Drei Unternehmer aus dem Rheinisch-Bergischen standen dazu auf dem Podium Rede und Antwort und berichteten von ihren Erfahrungen rund um die Themen Innovationsmanagement und Innovationskultur – und das mit unterschiedlichem Background. Tobias Ehret ist Geschäftsführer der zeitgeist digital GmbH aus Rösrath, ein noch junges Unternehmen, das mit der „Open Innovation Plattform“ eine Innovationsplattform für den Mittelstand entwickelt. Außerdem auf dem Podium: Der Director of Business Development des Weltmarktführers  TENTE Rollen GmbH aus Wermelskirchen, Oliver Heyne. TENTE hat bereits lange Erfahrung mit dem Innovationsmanagement. In den letzten zwei Jahren hat das Unternehmen aber seine Strategie verändert, um noch innovativer sein zu können. Das Podium komplettierte Udo Fielenbach, geschäftsführender Gesellschafter der joke Technology GmbH aus Bergisch Gladbach. Das Unternehmen war mehr oder weniger gezwungen, auf neue Entwicklungen innovativ zu reagieren, und hatte damit großen Erfolg. Die Innovation ergab sich für das frühere reine Handelsunternehmen durch die Absage des Hauptproduzenten aus Japan. joke musste daraufhin sein komplettes Geschäftsmodell umstellen: „Aus der Not heraus haben wir dann eine eigene Entwicklung durchgezogen. Wir haben jetzt ein eigenes Produkt. Mit dem Ergebnis, dass wir uns dazu entschieden haben, jetzt auch eine eigene Entwicklungsabteilung aufzumachen. Wir haben uns letztendlich vom reinen Händler zum Hersteller gewandelt“, freute sich Fielenbach.

Zum Thema Innovation tauschten sich aus (v. r. n. l.): Prof. Dr. Frank Piller von der RWTH Aachen, Oliver Heyne (TENTE Rollen), Tobias Ehret (zeitgeist digital), Udo Fielenbach (joke Technology), Moderatorin Silke Ratte, Landrat Stephan Santelmann, RBW-Geschäftsführer Volker Suermann und Kreisdirektor Dr. Erik Werdel | FOTO: LAWRENZ

Die TENTE Rollen GmbH hat sich in den letzten beiden Jahren einen neuen Produktentwicklungsprozess erarbeitet. „Wie bewerten wir Ideen und bringen sie durch einen geführten Entwicklungsprozess zum fertigen Produkt? Daran haben wir intensiv mit unseren Mitarbeitern gearbeitet“, sagte Oliver Heyne. Das Unternehmen hat dabei immer den Kunden im Blick – Stichworte Farming und Hunting. „Wir haben bestehende Kunden, die wir sehr gut kennen und deren Bedürfnisse wir zu Produkten überführen können. Das ist sehr gut und das wollen wir unbedingt beibehalten. Auf der anderen Seite haben wir eine kleine Organisationseinheit, die sich europaweit um das Thema Business Development kümmert. Damit wollen wir Neues antreiben, neue Geschäftsfelder analysieren, neue Produkte entwickeln und auch Innovationen von außen ins Unternehmen holen“, bekräftigte Heyne.

„Wir holen auch Innovationen von außen ins Unternehmen.“
Oliver Heyne,TENTE Rollen GmbH/span>

Der Kunde steht auch bei Tobias Ehret und seinem Unternehmen im Fokus. Er will mit seiner Plattform dem Mittelständler helfen, innovativ zu sein. Seine Methode: Der Kunde soll in den Entwicklungsprozess miteinbezogen werden – nur den Kunden zu fragen, was er haben will, reiche nicht, sagte Ehret. „Hätten wir Kunden immer nur gefragt, was sie haben wollen, dann hätten wir heute keine Autos, sondern schnellere Pferde!“ Durch die Open Innovation Plattform sollen Unternehmen neue Wege in der Produktentwicklung finden können, so Ehrets Ansatz. „Wir müssen Dinge ausprobieren, wir müssen den Kunden Dinge zeigen und wir müssen Kunden beobachten, wie sie mit neuen Technologien umgehen – und dabei hilft die Open Innovation Plattform“, sagte der Rösrather Geschäftsführer. Probanden sind dabei nicht nur Kunden, sondern auch Mitarbeiter und Nichtkunden. Die direkte Ansprache des Kunden ist auch für Oliver Heyne enorm wichtig: „Wenn wir in neue Märkte gehen, wo wir die Kundenanforderung nicht kennen, fragen wir den Kunden: Wie ist die Ist-Situation? Wie wünscht er sich den verbesserten Prozess? Und dann gehen wir einen Schritt weiter und bringen unser Know-how noch mit dazu, um die nächste Stufe zu nehmen. Ich brauche also erst einmal die Basis, um den Kunden dann zu überraschen.“ Auch Udo Fielenbach versucht mit seinem Unternehmen, den Kunden in die Produktentwicklung miteinzubeziehen: „Das Wissen kommt freiwillig. Wir müssen nur zuhören!“ Die Ideen kämen vonseiten der Mitarbeiter und der Kunden, „wir im Management sind dafür da, dass die Ideen anschließend nicht verhungern“, bekräftigte Fielenbach. Für ihn ganz zentral sind seine Mitarbeiter. „Wir sind Mittelständler, da kommen viele Prozesse aus dem Bauch heraus. Für mich ist dabei aber ganz wichtig: Die Ideen zu fördern, heißt auch, die Mitarbeiter, die die Ideen haben, mitzunehmen. Wir sagen: Der die Idee gebracht hat, ist weiter in den Prozess involviert – zentral sind Erfolgserlebnis, Motivation und Wertschätzung!“ Den Mitarbeiter mitnehmen, Wege gemeinsam gehen – ein Ansatz, den alle drei Unternehmer unterschreiben. „Man muss auch mal Kontroversen im Unternehmen aushalten, Scheitern lernen und auch eine Fehlerkultur lernen“, pflichtete Tobias Ehret bei.

 Das Wirtschaftsforum wurde gefördert durch das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Förderprogramms ­NRW.Innovationspartner.

Wie gelingt also Innovation? Für Udo Fielenbach ist das sehr individuell und auch abhängig von der Größe des Unternehmens. „Die Motivation der Mitarbeiter zu fördern, ist sehr wichtig. Und die Wertschätzung der Mitarbeiter, die an neuen Ideen arbeiten.“ Offenheit und Mut sind für Tobias Ehret unabdingbar. „Wenn man den Mut hat, sich dem Markt zu stellen und etwas Neues auszuprobieren, dann hat man auch eine gute Chance, sich als innovatives Unternehmen am Markt zu etablieren.“ Oliver Heyne sah es ähnlich: „Es geht darum zu machen, und wenn man gestürzt ist, wieder aufzustehen und noch mal weiter-zumachen, bis der erste Erfolg da ist. Und zu sagen, wir sind bereit, das Risiko einzugehen, auch etwas falsch zu machen.“

„Die Ideen zu fördern, heißt auch, die Mitarbeiter, die die Ideen haben, mitzunehmen.“
Udo Fielenbach, joke Technology GmbH/span>

Der Mut, Neues zu wagen – auch für die Unternehmer in der anschließenden Diskussion ein zentraler Punkt. „Wir können nur besser werden, wenn wir nicht immer am Altbekannten festhalten, sondern auch mal Dinge über Bord werfen“, sagte Hans-Jakob Reuter, Geschäftsführer der gicom GmbH aus Overath, die bereits für ihr innovatives Denken ausgezeichnet wurde. Vielen Unternehmen fehle es am Mut, Prozesse auch mal neu zu denken, „denn das ist das Unbekannte und da wollen viele Manager nicht hin“, glaubt Reuter. Das Schwierigste für ihn sei aber, den Kunden von Neuem zu überzeugen. „Der Kunde sagt, lass uns das, was wir heute tun, besser machen. Er sagt nie, lass es uns anders machen!“ Die gicom setzt daher ebenfalls da-rauf, den Kunden in Innovationsprozesse miteinzubeziehen. Der Kunde im Fokus – auch für Ralf D. Scholz, Inhaber der Unternehmensberatung Management-Training + Produktplanung aus Burscheid, Grundlage für eine funktionierende und erfolgreiche Innovation: „Innovative Unternehmen schaffen es, immer den Kunden im Auge zu behalten und das Kundenbedürfnis zu verstehen, um das letztendlich in Produktfeatures oder in Dienstleistungen umsetzen zu können, damit kaufentscheidende Anforderungen besser erfüllt werden als vom Wettbewerb.“ Innovation brauche aber auch Zeit, „Neues erschaffen aus sich selbst heraus – Innovation ist neben dem Ergebnis auch ein Prozess“, sagte der Burscheider Unternehmer.

Dem konnte auch Helmut Amelung von der ecoDISPLAY GmbH aus Overath nur beipflichten. „Man muss nicht immer das Rad neu erfinden. Um erfolgreich zu sein, bedarf es auch immer einer guten Vermarktung. Ich kann das beste Produkt der Welt haben, wenn es keiner kennt. Dann ist das zwar eine Innovation, aber nicht erfolgreich.“ Auch die Vertriebsmannschaft gehört beim Marketing für Amelung innovativ aufgestellt. „Man konzentriert sich sehr oft auf das Produkt und auf die Technik und vergisst dann, dass man das Produkt nachher auch verkaufen muss.“

„Wir müssen Dinge ausprobieren, wir müssen den Kunden Dinge zeigen und beobachten, wie die Kunden mit neuen Technologien umgehen.“
Tobias Ehret, zeitgeist digital GmbH/span>

Innovationen brauchen also neues Denken, Offenheit, Kommunikation, Dynamik und eben den Mut, die Dinge auch anzugehen. Dabei möchte die RBW Unternehmen im Rheinisch-Bergischen unterstützen: Der Bereich Technologietransfer wird zur Innovations- und Technologieförderung ausgebaut und damit das bisherige Angebot erweitert – um die Region auf lange Sicht noch innovativer zu machen, als sie es bereits schon ist.

 


Workshop

Innovationsmethode „Design Thinking“ 

Innovationsfähigkeit, Gestaltungsfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit sind wichtige Entwicklungsfelder und Herausforderungen von Unternehmen. Mittels angewandter Innovationsmethoden können Unternehmen ihre Produkte und Prozesse erneuern und sich einen Wettbewerbsvorsprung verschaffen.

Ergänzend zum Wirtschaftsforum „Innovationskultur im Unternehmen“ hat die RBW im Mai zu einem Praxisworkshop zur Innovationsmethode „Design Thinking“ eingeladen. 15 Unternehmer folgten der Einladung in Schloss Eulenbroich in Rösrath. Auch dieses Angebot erfolgte im Rahmen des vom Land NRW geförderten Programms „NRW.Innovationspartner“.  

Die Innovationsmethode „Design Thinking“ soll kreative Potenziale freisetzen und die schnelle Entwicklung kundenorientierter Ideen ermöglichen. Durch das „Design Thinking“ entwickeln Unternehmen Lösungen für komplexe Problemstellungen, die sich konsequent an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren. Im Rahmen des Workshops wurde durch die Nutzung kreativer Denkweisen, zielführender Prozesse und professioneller Methoden Chancen und Wege für die erfolgreiche Entwicklung von Innovationen im Unternehmen aufgezeigt.

„Innovationen spielen eine entscheidende Rolle für die Unternehmen im Rheinisch-Bergischen Kreis. Mit Design Thinking sollen Unternehmen eine neue He-rangehensweise an das Thema gewinnen. Wir freuen uns, dass die Unternehmen offen sind für neue Ansätze und die Unternehmenswerkstatt so gut angenommen haben“, resümierte Slawomir Swaczyna, Projektleiter für die Bereiche Innovations- und Technologieförderung sowie Fördermittelberatung, den Workshop. Auch für das zweite Halbjahr plant die RBW wieder ein Angebot zu einer Innovationsmethode.

Ansprechpartner bei der RBW:
Slawomir Swaczyna
Innovations- und Technologieförderung
Fördermittelberatung
Telefon: +49 2204 9763-15
swaczyna@rbw.de