Interview mit Sophia Tiemann, Leiterin des Amts für Bildung im Rheinisch-Bergischen Kreis

Die Medienscouts waren auf der 4. Bildungskonferenz mit dem Titel „Digitale Bildung gestalten – Medienkompetenz fördern“ mit einem Infostand dabei

Lernen Schüler heute anders als noch vor 20 Jahren? Hat sich der Anspruch der Schüler an Schule, Lehrer und Inhalte verändert?
Reiner Frontalunterricht gehört mittlerweile dank zahlreicher struktureller Veränderungen der Vergangenheit an. Zunehmende Schülerzahlen und immer vielfältigere Lerngruppen fordern das Schulsystem organisatorisch wie pädagogisch heraus. Um den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Lerngeschwindigkeiten der Schüler besser gerecht zu werden, stehen für die verschiedenen Schüler unterschiedliche Lern- und Arbeitsmaterialien bereit. Unterschiedliche Konzepte wie etwa Gruppenarbeit, Wochenplan-Projekte, Lernspiele oder Stoffvermittlung mithilfe digitaler Medien sollen für einen zeitgemäßen Unterricht sorgen. Im Fokus steht dabei nicht nur die reine Wissensvermittlung. Kinder sollen im Laufe ihres Schullebens auch lernen, Eigeninitiative, Kreativität sowie Team- und Kritikfähigkeit zu entwickeln. Auch die Rolle der Lehrkräfte hat sich verändert: Früher war ein Lehrer hauptsächlich Wissensvermittler. Heute sind seine pädagogischen Kompetenzen weiter gefasst: Er ist Helfer und Partner im Unterricht, wird von vielen Kindern als Vertrauens- und Bezugsperson gesehen. Denn häufig wachsen Mädchen und Jungen in Familienstrukturen ohne geregelten Tagesablauf und verlässliche Aufsicht auf – etwa weil die Eltern den ganzen Tag arbeiten oder weil das soziale Umfeld problematisch ist.

Inwiefern haben sich die Schüler selber verändert?
Das Spektrum, in dem der Alltag der Heranwachsenden mittlerweile stattfindet, ist im Vergleich zu früher deutlich vielfältiger geworden. Von „dem“ Schüler oder „der“ Schülerin zu sprechen, macht kaum Sinn, denn wie auch die aktuelle SINUS Studie zeigt, sind die Lebenswelten von Jugendlichen breit gefächert. Als gemeinsame Besonderheit der sogenannten „Generation Z“ ist aber sicherlich der Umgang mit digitalen Medien zu nennen. Diese Generation ist mit digitalen Medien groß geworden, Social-Media-Kanäle bestimmen häufig den Alltag und Informationen werden vor allem aus dem Internet bezogen. Sie jonglieren heute mit viel mehr Wissen – aber nicht unbedingt mit mehr Grundwissen. Lehrkräfte stellen fest, dass häufig Dinge gekannt werden, aber aufgrund mangelnden Grundlagenwissens nicht beherrscht. Viele Angehörige dieser Generation legen zudem Wert auf eine freie Entfaltung und eigenständige Umsetzung. Dabei erwarten sie, nicht bevormundet oder eingeschränkt zu werden. Sie müssen Inhalte spannend finden. Dies stellt die Lehrkräfte und den Unterricht von heute vor immense Herausforderungen! Es muss gelingen, Lernende von der Sinnhaftigkeit des Lerninhaltes und dessen praktische Anwendungsrelevanz zu überzeugen. Sowohl in der Schule als später auch im Betrieb.

Die digitale Bildung ist zukünftig ein Schwerpunkt in der Bildungsarbeit des RBK: Warum ist ein Umdenken nötig?
Viele Berufe und berufliche Tätigkeiten wandeln sich durch digitale Techniken in einem rasanten Tempo. Veränderte Arbeitswelten erfordern jedoch neue Kompetenzen, die über das Bildungssystem vermittelt werden müssen. Hier müssen wir uns bemühen, entsprechend neue und praxisnahe Konzepte zu entwickeln. Ansonsten driften die Anforderungen der Arbeitswelt mit den Kompetenzen der Nachwuchsfachkräfte und der vorhandenen Arbeitnehmer auseinander. Heranwachsende sind zwar heutzutage wie eingangs erwähnt in einer digitalen Welt aufgewachsen. Allerdings befähigt sie die bloße Mediennutzung nicht zu einem kompetenten Umgang. Internationale Vergleichsstudien bescheinigen deutschen Schülerinnen und Schülern bisher nur durchschnittliche digitale Fähigkeiten. Hier müssen die Schulen ansetzen. Als Baustein im individuellen Lebensweg sollten sie die Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die Erwartungen der Arbeitswelt vorbereiten. Dazu gehört heute auch der intelligente Umgang mit digitalen Medien;  also die Kompetenz selbstständig zur Problemlösung geeignete Medien auszuwählen und auch in Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit fit zu sein. Digitale Kompetenzen müssen daher im Rahmen der Lerninhalte deutlich gestärkt werden, um Heranwachsenden einen kompetenten und kritischen Umgang mit neuen Technologien zu vermitteln. Dies ist Grundlage dafür, dass sie später als selbstbestimmte und mündige Bürgerinnen und Bürger erfolgreich am privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Der RBK ist Vordenker im Bildungsbereich in NRW. Welche konkreten Maßnahmen in Sachen digitale Bildung sind geplant?
Der RBK beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit digitalen Fragestellungen und bedient sich erfolgreich digitaler Medien insbesondere zur Förderung des Übergangs von der Schule in den Beruf – hier hat unser Koordinierungsbüro Übergang Schule-Beruf gemeinsam mit den Partnern eine gut frequentierte Datenbank zur Vermittlung von Berufsfelderkundungen in Betrieben oder ein Onlinebewerberbuch für Schüler implementiert. Zur Förderung von Kompetenzen im MINT Bereich (Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik) sind in unserem MINT-Netzwerk Rhein-Berg zudem spannende Projekte entstanden zum Beispiel zur Förderung des Einsatzes digitaler Lerntechnik bereits an Grundschulen. Schulen können sich bei uns Microcontroller ausleihen und in das Thema Programmieren einsteigen. Die Lehrkräfte erhalten hierzu dann eine Fortbildung über das Kompetenzteam des RBK. Wir organisieren darüber hinaus Programmierturniere für Schulen in Kooperation mit der Fachhochschule der Wirtschaft, wir fördern Kursangebote zum Erlernen von Programmiersprachen mit Technologieunternehmen und vieles mehr. Daneben werden Lehrkräfte und Schüler in unserem Bildungsnetzwerk als Medienscouts ausgebildet, um vor Ort bei medienbezogenen Fragen und Problemen unterstützen. Hieran nehmen bereits 14 Schulen teil – rund 100 Jugendliche sind und werden aktuell als Medienscouts ausgebildet. Die vergangene Bildungskonferenz des RBK unter dem Motto „Digitale Bildung gestalten – Medienkompetenz fördern“ hat uns hier weitere wichtige Impulse gegeben, um die Digitale Bildung in der Region künftig fest zu verankern. So wollen wir die Informationsangebote zum kritischen und konstruktiven Umgang mit digitalen Medien weiter ausbauen. Aber auch das Thema Arbeit 4.0 und die hierfür erforderliche Vernetzung der Unternehmen mit Schulen, Berufsschulen und Hochschulen soll gestärkt und für die Region Austausch- und Innovationsräume geschaffen werden. In diesem Kontext werden dann auch Bildungsangebote entstehen, die es ermöglichen, die Menschen in der Region entlang der Bildungskette anhand des neusten technologischen Standards zu digitalen Themen zu informieren und zu qualifizieren.

Verändern sich nur die Inhalte des Schulunterrichtes oder auch die Art der Vermittlung der Lerninhalte?
Der Prozess der Digitalisierung bedeutet für Schulen, dass sich der Prozess des Lernens als Ganzes verändert. In Bezug auf die Vermittlung der Lerninhalte bieten digitale Medien natürlich spannende Möglichkeiten. Grundsätzlich können digitale Medien Lernräume – über das Klassenzimmer hinaus – öffnen und damit Zugriff auf weltweite Expertisen eröffnen. Digitale Medien führen aber keineswegs automatisch zu besserem oder anderen Unterricht. Aber innovative didaktische Methoden profitieren ganz wesentlich von ihrem Einsatz; handlungs- oder problemorientierte Ansätze etwa gewinnen durch den richtigen Einsatz der Computertechnologie. Lernzeiten und -orte können anders organisiert werden: Zuhause kann die Lernzeit intensiver für die Aneignung und Auseinandersetzung mit Lehrinhalten genutzt werden. Hierfür stehen immer mehr hochwertige Lehrvideos und Materialpools zur Verfügung. Die Unterrichtszeit kann so für andere Formen von Unterricht – Diskussion, Kooperation, Austausch und Begegnung – genutzt werden. Digitale Medien können Lernprozesse individualisieren helfen und das selbstständige Lernen unterstützen. Lernende können – etwa über eine Lernplattform im Internet – mit einer größeren Fülle an unterschiedlichem und differenzierendem Material versorgt werden. In einer Cloud können Lehrkräfte und Lernende mittels mobiler Endgeräte miteinander kommunizieren, Unterrichtsmaterialien austauschen oder gemeinsam an Projekten arbeiten – und dies bei Bedarf auch schulübergreifend und schulformübergreifend sowie im Zusammenwirken mit externen Partnern wie zum Beispiel Ausbildungsbetrieben und Universitäten

Welche Erfahrung machen Sie vor Ort in den Schulen und bei den Lehrern: Ist die Bereitschaft zum Umdenken da?
Das lässt sich pauschal natürlich nicht so sagen. Alle Menschen bringen unterschiedliche Interessenslagen und Affinitäten zu dem Thema mit. Ich sehe bei uns in der Region viele engagierte Schulleitungen und Lehrkräfte, die das Thema Digitalisierung schon seit einiger Zeit ganz oben auf der Agenda haben und vor Ort vorantreiben. Das zeigt sich in den Schulen in ganz konkreten Angeboten und fängt bei dem Einsatz von mobilen Endgeräten an und endet in festen Lernpartnerschaften mit Technologieunternehmen. Neben der Bereitschaft ist es aber natürlich auch entscheidend, dass Schulen und Lehrkräfte überhaupt in die Lage versetzt werden, sich auf den digitalen Wandel einzustellen. Für einen pädagogisch sinnvollen Einsatz benötigt man Konzepte, Weiterbildung und Infrastruktur. Ansonsten kann selbst beim besten Willen die Umsetzung digitaler Medien im Schulalltag nicht nachhaltig gelingen. Das ist natürlich für jede einzelne Schule eine große Herausforderung. Zur Unterstützung des Prozesses wollen wir im Bildungsnetzwerk des RBK daher die kreisweite Vernetzung von Kommunen und Schulen zur Sicherung der Qualität von digitalen Medien, Lernprogrammen, Unterrichtsmaterialien und deren Einsatz in den Schulen begleiten. Die Lehrkräfte müssen zudem professionell in der technischen Anwendung betreut werden. Lehrkräfte sind auch in der digitalen Welt die wichtigsten Lotsen in den Wissenslandschaften. Die Lehreraus- und -weiterbildung erhält damit für die digitale Bildung eine große Bedeutung und muss ein Thema für alle Lehrkräfte sein.

Hat der Wandel hin zur digitalen Bildung auch Nachteile?
Unbestreitbar ist, dass die Nutzung digitaler Medien Chancen aber auch Risiken birgt. Als häufige Probleme beim Einsatz digitaler Medien in den Schulen werden häufig benannt die Ablenkung vom Lerngeschehen im Unterricht, das Kopieren von Materialien und die mangelnde Schreibfertigkeit bei den Schülerinnen und Schülern. Diese Problemlagen sollten jedoch nicht der Grund sein, digitale Medien aus der Schule zu verbannen sondern eher dazu motivieren, digitale Medien ins Zentrum des Unterrichts zu stellen, denn nur so kann eine produktive Auseinandersetzung mit ihnen erfolgen und die Schüler befähigt werden, den Risiken vorbereitet entgegenzutreten. In dem Maße, in dem digitale Medien und mit ihnen die Fülle und Komplexität der im Internet verfügbaren Informationen in den Unterricht einbezogen werden, gehört es auch zu den Aufgaben und Zielen des Unterrichts, entsprechende Kompetenzen bei den Schülern aufzubauen. Die Vermittlung von Medienkompetenz ist eine wichtige Aufgabe für Schulen, um Schülerinnen und Schülern eigenverantwortliche Selbst- und gesellschaftliche Mitbestimmungsfähigkeit zu vermitteln. In einer digitalen Welt gehört hierzu auch der selbstbestimmte und verantwortliche Umgang mit digitaler Technologie.

Wenn Sie in die Zukunft schauen könnten: Wie sieht das Lernen in den Schulen im RBK in 10 Jahren bestenfalls aus?
Ich bin sicher, dass vieles von dem, was in zehn Jahren im Rahmen der technologischen Entwicklung möglich ist, uns heute noch gar nicht in den Sinn kommt. Idealerweise haben wir im RBK aber überall Schulen, in denen sich die Kinder wohl fühlen, in denen sie ihre Persönlichkeit entfalten können, wo sie Freude, Anerkennung und Leistungsbereitschaft erfahren. Digitale Bildung ist dann bestenfalls von der Grundschule an in den schulischen Curricula fest implementiert und wird ständig angepasst. An allen weiterführenden Schulformen wird Informatik als Wahlfach angeboten.
Mithilfe digitaler Technologien existieren dann ggf. neue Lernwelten, in welchen jeder sein Potential frei entfalten kann, weil er z.B. über selbstlernende Computerprogramme individuell gefördert wird. Mobile Endgeräte und Lernapps spielen im Unterricht eine größere Rolle. Über Lernplattformen wie z.B. eine Bildungs-Cloud können Lernende auf multimediale Unterrichtsinhalte, auf Lern- und Übungsprogramme, Stundenplansoftware und Ähnliches mehr zugreifen. Hochschulen und Unternehmen bringen zudem im Rahmen eines kreisweit vernetzten Prozesses ihre Erkenntnisse zu technologischer Entwicklung und Innovationsmöglichkeiten gezielt ein und befördern damit den ständigen Wissenstransfer in der Region.