Rund 200 Teilnehmer beim RBW-Wirtschaftsforum bei Miltenyi Biotec

Digitalisierung ist nicht nur Thema der Zukunft – es ist das bestimmende Thema der Gegenwart. Dass über 200 Teilnehmer der Einladung der RBW zum Wirtschaftsforum in den Neubau der Miltenyi Biotec GmbH folgten, zeigt, wie groß der Informations- und Diskussionsbedarf bei den Unternehmen im Kreis ist.

„Die Digitalisierung ist ein zentrales Querschnittsthema und betrifft alle Branchen und Stufen der Wertschöpfung“, begrüßte Volker Suermann, Geschäftsführer der RBW, die Gäste und bekräftigte das Ziel, die Unternehmen bei den Veränderungsprozessen aktiv zu unterstützen. Das Wirtschaftsforum ist einer der vielen Bausteine des RBW-Projekts Rhein-Berg 4.0, das in den Strategieprozess 2020+ des Kreises aufgenommen wurde.

Podiumsrunde mit rheinisch-bergischen Unternehmen, die ganz unterschiedlich der Herausforderung Digitalisierung begegnen, v. l.: Bernhard Koller (Bewotec), Rolf Kürten (KL Druck), Dorothea Wahle (Daume), Sebastian Wurth (Wurth Sanitär & Heizung) und Moderatorin Silke Ratte von der RBW (2. v. r.)

Landrat Dr. Hermann-Josef Tebroke gab in seinem Grußwort einen Rückblick auf die technologischen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts, der verdeutlichte, dass es massive Veränderungen schon immer gab und sowohl Unternehmen als auch Kunden sie schnell als selbstverständlich annahmen. „Digitalisierung ist keine Frage des Wollens“, sagte Tebroke. „Wir sind schon mittendrin und wir müssen sie als Chance sehen, nicht als Schicksal.“ Grundlegende Voraussetzungen seien Breitbandausbau und Mitarbeiterqualifizierung.

„Die klassische Unterscheidung in B2B und B2C gibt es bei einer Multichannel-Kommunikation
nicht mehr. Wir haben heute eine H2H, eine Human-to-­Human-Kommunikation.“ Thomas Berger, Miltenyi Biotec

Wie die Chance genutzt werden kann, präsentierten Norbert Hentschel, Geschäftsführer des Gastgebers Miltenyi Biotec, und sein Head of Digital Business, Thomas Berger. Das Schlüsselwort laute „Consumerization“, erklärte Berger, was sich von der Bedeutung her übersetzen lasse mit: die Einfachheit der Dinge. „Die Mitarbeiter bestellen privat bei Amazon und haben auch im Berufsleben keine Lust mehr auf komplexe Prozesse.“ Notwendig seien daher innovative Produkte und effiziente Prozesse zur Kundenbindung; bei Miltenyi zum Beispiel Forschungsinstrumente, die in einem virtuellen Labor stehen und sich so einfach bedienen lassen wie ein iPhone.

Professor Thomas Thiessen, Rektor der Business School Berlin, sprach als Konsortialleiter der Mittelstand 4.0-Agentur Kommunikation, die bundesweit KMU bei ­digitalen Veränderungsprozessen begleitet. Er setzte einen Schwerpunkt auf den ­Aspekt Psychologie 4.0 und teilte die Reaktionen auf die „digitale Welle“ ein in aktive Surfer, ablehnende Inselbewohner, kritische Schnorchler und untätig Mitgerissene. „Digitalisierung kommt, um zu bleiben“, betonte er. „Sie ist kein IT-Thema, sondern braucht ein ganzheitliches Managementverständnis.“ Es dürfe kein „Silo-Denken“ geben und die Einbeziehung von Kunden, Lieferanten und manchmal gar Konkurrenten sei zwingend notwendig.
In der anschließenden Podiumsrunde tauschten sich Unternehmer aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis über ihre Art der digitalen Chancennutzung aus. Einzelhändlerin Dorothea Wahle von der Wilhelm Daume GmbH in Schildgen berichtete über ihre Internet-Filiale mit einem Angebot von mehr als 5.000 lieferfähigen Produkten. „Am Anfang stand der Spiel­trieb“, sagte sie, „und Lehrgeld haben wir auch bezahlt. Aber es hat sich gelohnt.“ Vom Handel zum Handwerk: Sebastian Wurth von der Wurth Sanitär & Heizung GmbH in Kürten erzählte, wie Kunden mit Tablet, 3D-Simulationen und VR-Brille ihr Bad als digitales Erlebnis gestalten können.

Zum Wirtschaftsforum hatte die RBW Unternehmer aus dem Kreis aufs Podium geladen und Digitalisierungs-Experten als Referenten gewonnen

Beim Drucken werde auch das Produzieren immer billiger, stellte Rolf Kürten von der Gladbacher KL Druck Kürten und Lechner GmbH fest. Er verdeutlichte zudem die rasante Geschwindigkeit der Entwicklung: „Eine neue Druckmaschine muss sich in zwei Jahren amortisiert haben. Dann bekommen Sie eine für den halben Preis mit vierfacher Leistung.“ Bernhard Koller, Bewotec Software Entwicklungs- und Vertriebs-GmbH in Rösrath, beeindruckte die Zuhörer mit seiner Support-Facebook-­Gruppe: Mehrere Tausend Mitglieder beantworten dort mit Schwarmintelligenz gegenseitig ihre Fragen. Kosten: keine. „Wir bekommen darüber Informationen über unsere Kunden, an die wir sonst nie gekommen wären“, sagte er.

Einig waren sich alle Vortragenden, dass die Digitalisierung mit Bedacht, Schritt für Schritt und ohne Scheu vor externer Beratung angegangen werden muss. Einig waren sich die Gäste im anschließenden Get-together auch darüber, dass bei aller Digitalisierung die Face-to-Face-Kommunikation ein wichtiger Faktor bleibt. Die RBW bietet dafür zusammen mit dem Kompetenzzen­trum Digital in NRW am 24. Mai eine Unternehmertour nach Aachen zu einem Demonstrationszentrum an. Landrat Dr. Tebroke seinerseits verabschiedete seine Gesprächspartner mit einem augenzwinkernden: „Bleiben Sie analog!“