Firma Schulte aus Kürten ist Spezialist für Projekte mit altem Kern und oft innovativen Gehäusen

Die Königin der Instrumente entsteht in einer von außen unscheinbaren Werkstatthalle im Industriegebiet Kürten-Herweg. Wer eintritt, riecht Holz. Der Blick bleibt an Tasten, Pfeifen und Gehäuseteilen haften, die später wie Puzzles zu Orgeln zusammengesetzt werden. Hier, im Montagebereich von Orgelbau Schulte, arbeitet Chef Oliver Schulte mit fünf hoch spezialisierten Mitarbeitern an Instrumenten, deren Klang später Kirchen füllt. Der Ruf der Firma ist exzellent, weshalb Auftraggeber aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland kommen. Bis 2020 ist das Unternehmen ausgebucht.

Heute ist jedoch munteres Stimmengewirr zu hören statt Hämmern und Sägen. Zwei Dutzend Interessierte sind zur Werkstattführung gekommen, die Teil der Veranstaltung „Expedition Heimat 2.0“ (Nachfolger der „Expedition Heimat“) ist. Erstmals geht es nur um ein einziges Thema: die Kürtener Orgellandschaft. Es gelte, „ein ganz spezielles Thema ganz speziell durchzukneten“, erklärt Susanne Bonenkamp, Kulturreferentin des veranstaltenden Rheinisch-Bergischen Kreises. Das Thema Orgel habe auf der Hand gelegen: Zum einen stünden Orgelbau und Orgelmusik seit 2014 auf der Deutschen Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes, zum anderen fänden sich im Kreis wunderbare Orgeln und die weltweit renommierte Orgelwerkstatt von Oliver Schulte. Der 41-Jährige hat sich etabliert als Experte für die Restaurierung und den Umbau historischer Orgeln aus dem anglo-amerikanischen Raum. Eine Nische. Nun ist er dabei, sich auch als Schöpfer innovativ-modernen Orgeldesigns einen Namen zu machen. Sein jüngstes Werk, 2015 in St. Petri/Dortmund eingeweiht, ist für den German Design Award 2018 nominiert.

„Unser Spezialgebiet ist der Umbau alter -englischer Orgeln.“
Oliver Schulte – Orgelbau Schulte

„Es fing in einem Kuhstall an“, erzählt der Orgelbaumeister den Besuchern. In ihm habe sich sein Vater 1978 selbstständig gemacht, nachdem er 25 Jahre bei einer Kölner Orgelbaufirma gearbeitet habe. Der Stall grenzte ans Wohnhaus. „Die Pfeifen wurden in der Badewanne gewaschen.“ Siegfried Schulte hatte das Ziel, eine Wandschmuckorgel für jedermann zu kreieren (siehe Kasten), doch seine Arbeit an Kirchenorgeln überzeugte dermaßen, dass für anderes bald keine Zeit mehr blieb.

Die Kirchen hatten Geld, der Orgelbau boomte. Die Firma wuchs, zog in größere Räume nach Odenthal-Scheuren, später nach Kürten-Bechen, 1997 dann an den jetzigen Standort in Kürten-Herweg. Orgel-um- und Orgelneubauten entstanden für Kirchen in Biesfeld, Refrath, Sand, Schildgen, Köln – und bald deutschlandweit. Das „opus maximum“ wurde für die katholische Kirche St. Josef in Porz gefertigt: eine Orgel mit drei Manualen und 43 Registern.

„Ich bin in die Fußstapfen meines Vaters getreten“, sagt Oliver Schulte. Bei ihm sei er in die Lehre gegangen, ohne Zwang. Das Metier habe ihn von klein auf fasziniert. Nach dem Meisterbrief erwarb er – zusätzlich zum musikalisch-handwerklichen Know-how – als geprüfter Betriebswirt auch unternehmerisches Wissen. Doch als der Junior 2006 den Betrieb übernahm, hatten die Kirchen bereits den Sparkurs eingeschlagen, die Devise „jedes Jahr ein Orgelneubau“ galt nicht mehr. Ein geplatzter Großauftrag stürzte die Firma 2008 in eine schwere Krise.

In dieser Situation strukturierte der Chef nicht nur um, sondern knüpfte an ein Orgelprojekt an, das den Namen Schulte 2007 bundesweit ins Gespräch gebracht hatte: Restrukturierung und Teilneubau einer Orgel in Bonn-Limperich auf Basis einer historischen englisch-romantischen Orgel von 1907. „Das war damals ein Unikum.“ Die Restaurierung einer US-Orgel von 1869 für St. Maternus in Köln-Rodenkirchen 2011 besiegelte das neue Profil der Kürtener Werkstatt. Inzwischen gilt Schulte international als Spezialist für an-glo-amerikanische Orgeln.

Für Gemeinden ist die Nische, die Schulte entdeckt hat, höchst interessant. Denn der Umbau einer alten Orgel kostet etwa die Hälfte eines Neubaus. Zudem sind englische Instrumente der Romantik solide gebaut und haben einen fantastischen Klang. Selbst vom Tablet, das der Orgelbauer anschaltet, klingt es eindrucksvoll in den Zuhörerohren. Da in England Kirchen aufgrund des Mitgliederschwunds oft samt Orgeln abgerissen werden, ist die Insel zur Fundgrube für Oliver Schulte geworden, der die sozialen Netzwerke als „unverzichtbares Kommunikationsmittel“ nutzt, um geeignete Objekte aufzuspüren.

Wird das historische Instrument nicht in Gänze restauriert, ist es freilich am Ende kaum wiederzuerkennen. Wie etwa in Dortmunds evangelischer Kirche St. Petri. Die 1.049 Pfeifen von 1868 – drei Meter bis nur wenige Millimeter groß und aus einer Kirche nahe Leeds stammend – sitzen nun fein restauriert in einem modernen 7,50 Meter hohen Kubus, der in Kürten mitsamt Windladen, Windanlage und Spieltisch entstand. Clou ist die offene Lamellenstruktur des Birkenholz-Gehäuses, die Einblicke in die Technik erlaubt. Man sieht, wie sich der Balg bewegt und die Schwellerjalousien öffnen und schließen.

Orgelbaumeister Oliver Schulte und Kreis-Kulturreferentin Susanne Bonenkamp (v. l.) bei der Werkstattführung in Kürten-Herweg im Rahmen von „Expedition Heimat 2.0“ (Foto: Glaser/Schulte)

„Wir arbeiten fast nur mit einheimischen Hölzern, besonders mit Fichte und Eiche“, antwortet der Orgelbauer einem Besucher. Auch hölzerne Pfeifen fertigt er an, während er metallene zuliefern lässt – oder von alten Instrumenten restauriert.

Auch jetzt steht hinter Oliver Schulte ein Bündel englischer Metallpfeifen von 1852 in der Werkstatt. Sie stammen aus Cambridge und werden demnächst in der evangelischen Kirche St. Crucis in Bad Sooden-Allendorf erklingen – in hochmodernem Schulte-Design. Dies werde der größte Umbau einer historischen Orgel auf dem europäischen Festland, sagt Oliver Schulte. 15 Jahre Garantie inklusive.


Wandschmuckorgel für daheim

Siegfried Schulte war als Firmengründer beseelt von der Idee der Wandschmuckorgel. Mit ihr wollte er den Orgelklang ins Wohnzimmer bringen – für jedermann. Jetzt als „Orgel-Rentner“ hat der Meister endlich Muße, die Idee wieder aufzugreifen und an dem Instrument zu tüfteln.

„Der Prototyp lag sehr, sehr lange auf Lager“, erzählt Sohn Oliver Schulte, der ihn nun an der Werkstattwand montiert hat. Das Pfeifenwerk wirkt wie eine Art Bild. Doch der Blickfang ist spielbar. Benötigt wird dafür eine elektrische Klaviatur. Möglicherweise geht die Wandschmuckorgel ja mal in Serie!

Orgelbau Schulte
Cliev 14, 51515 Kürten
Tel.: +49 2207 910485
www.orgelbau-schulte.de