Eine Branche im Wandel

Laut aktueller Pflegestatistik gibt es in Deutschland 2,6 Millionen Pflegebedürftige, von denen 1,86 Millionen zu Hause – durch Angehörige oder Pflegedienste –versorgt werden, während 764.000 Pflegebedürftige in Heimen leben. Auf den Rheinisch-Bergischen-Kreis mit seinen rund 282.000 Einwohnern heruntergerechnet bedeutet das: In den acht Kommunen sind schon heute mehr als 9.100 Menschen auf Pflege angewiesen. Geleistet wird das aktuell durch etwa 3.500 Mitarbeiter, davon 1.100 bei ambulanten Pflegediensten und 2.400 in Pflegeheimen. Das mag nach einer guten Betreuungsquote klingen, jedoch liegt die Teilzeitquote hier bei über 60 Prozent.

Die Pflegebranche ist ein bedeutender regionaler Wirtschafts­faktor – und die Branche wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. Bis 2030 wird es in Rhein-Berg, so die Prognose, mehr als 12.000 Pflegebedürftige geben. Die Branche, in der private und ­gemeinnützige Anbieter tätig sind, steht jedoch auch vor großen ­Herausforderungen, denn der demografische Wandel wird sich ebenso auf der Seite der Pflegenden auswirken. Es wird – bei steigender Zahl der Pflegebedürftigen – weniger Personal zur Verfügung stehen. Wir stellen mit dem Schwerpunkt Altenpflege verschiedene Anbieter aus der Region vor und beleuchten, wie sich private und gemeinnützige Anbieter für die Zukunft aufstellen. Und auch für Unternehmen gewinnt das Thema immer mehr an Bedeutung: Was kann man tun, wenn Mitarbeiter plötzlich einen Angehörigen pflegen müssen?

Um aktuelle Entwicklungen zu verstehen, ist häufig ein Blick in die Vergangenheit notwendig. Im Bereich der Altenpflege wurden von den Kirchen die ersten Altenheime im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gegründet – in einer Zeit, als die wachsende Binnenwanderung in Deutschland die Generationen immer mehr auseinanderriss, sodass die Altersversorgung durch den Familienverband nicht mehr greifen konnte. Mit heutigen Altenheimen hatten diese Einrichtungen jedoch nichts zu tun, nahmen sie doch mehrheitlich nur arme und im Sterben liegende Menschen auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann lange Warte­listen – und die Mehrheit der Altenheimbewohner teilte einen Raum mit bis zu fünf Zimmergenossen. Nach und nach wurden neue Pflegekonzepte und Wohnformen für rüstige alte Menschen ­entwickelt. Die Zahl der Alten- und Pflegeheime stieg kontinuierlich an, parallel gewannen auch die ambulanten Angebote an Bedeutung. Vor allem in den1980er- und 1990er-Jahren kamen immer mehr ­private Anbieter hinzu. Als erster privater und kassenärztlich zugelassener Pflege­dienst wurde beispielsweise 1994 die Häusliche Kranken- und ­Altenpflege ­Elisabeth Schall gegründet – wie so oft in diesem Bereich von einer ehemaligen Krankenschwester. Was damals noch eine Selten­heit in der ­Region war, ist heute Normalität: Autos verschiedenster Pflegedienste sind in jeder rheinisch-bergischen Gemeinde unterwegs. Zuvor oblag diese Aufgabe den Diakonissen, später den Sozialstationen der Träger der Freien Wohlfahrtspflege.

Und auch in jüngster Vergangenheit ist die Branche im Wandel. Edith Runkel-Wünschmann, Heimträgerin und -leiterin des Seniorenpflegeheims „Haus Regenbogen“ in Wermelskirchen, antwortet auf die Frage, was sich in der Pflege in den letzten 25 Jahren verändert habe, nach einem kurzen Lachen mit einer Gegenfrage: „Wie lange haben Sie Zeit?“ Das zeigt: Die Pflege und Betreuung des Jahres 2016 hat mit der des Jahres 1991 so gut wie nichts mehr gemeinsam. Und Edith Runkel-Wünschmann muss es wissen, denn ziemlich genau seit dieser Zeit ist sie mit ihrem Mann in der Verantwortung – zunächst am alten Standort, wo die Eltern von Bernd Wünschmann ein kleines Pflegeheim mit 17 Plätzen aufgebaut hatten. Als der Schwiegervater 1992 plötzlich starb, wurde die gelernte Krankenschwester, Drogistin und Bürokauffrau („alles abgeschlossen“), ins kalte Wasser geworfen. „Meine Schwiegereltern haben das Haus auf ihre Weise geführt, viel aus dem Bauch heraus entschieden“, sagt Runkel-Wünschmann. „Das mag in der Zeit funktioniert haben, in der heutigen Zeit und mit den heutigen Anforderungen wäre das undenkbar.“ Schnell wurde auch klar: Ein Heim mit so wenig Plätzen ist nicht rentabel zu führen. So entstanden schnell Pläne, an anderer Stelle neu zu bauen: Es sollten zwar noch fünf Jahre vergehen, bis der erste Stein an der Remscheider Straße gesetzt werden konnte, doch im Jahr 2000 öffnete das neue „Haus Regenbogen“ mit
40 stationären und fünf Kurzzeitpflege-Plätzen. Mittlerweile gibt es dort sogar 53 Plätze, „die durchweg voll belegt sind“, wie die Heimleiterin betont. Die Transparenz sei einer der großen Unterschiede im Vergleich zu früheren Jahren. „Wir sind ja völlig gläsern“, sagt Edith Runkel-Wünschmann. Im Internet ist für jedermann im „Pflegenavigator“ nachlesbar, wie das Heim in verschiedenen Bereichen abschneidet. Zum einen werden hierfür vom MDK bis zu 59 Kriterien bewertet, zum anderen Bewohner befragt. Das Ergebnis für das Haus Regenbogen kann sich sehen lassen: 1,1 im Gesamtergebnis und 1,0 bei der Bewohnerbefragung.

Immer mehr Angebote – und immer differenzierter

„Unsere heutigen Wohn- und Betreuungsangebote für Senioren sind mit denen, wie sie noch vor 20 Jahren Standard waren, nicht mehr vergleichbar“, sagt auch Ge­orge Koldewey, seit dem 1. Juli Vorstand des Caritasverbandes für den Rheinisch-Bergischen Kreis e. V. „Mit mehreren Wohnanlagen im Herzen Bergisch Gladbachs und einer neuen Wohnanlage in Kürten-Bechen entsprechen wir dem Wunsch vieler Senioren nach Selbstständigkeit, eigener Lebensgestaltung, aber auch dem Wunsch nach Sicherheit, Begleitung und Aktivierung“, so Koldewey, der zuvor Direktor des Caritasverbandes Rhein-Hunsrück-Nahe mit Sitz in Bad Kreuznach war. „Diese Angebote werden gern angenommen – und ich habe mich in den letzten Wochen mit Senioren unterhalten, die richtig aufgeblüht sind, seit sie bei uns wohnen. Vorher waren sie oft einsam – jetzt haben sie Gesellschaft, wenn sie das wollen, und das in individuell eingerichteten Räumen.“ Koldewey kann aber auch verstehen, dass es weiterhin Senioren gibt, für die „das Heim“ weiter ein Schreckgespenst ist. Auch hier gibt es immer mehr Angebote. So bietet beispielsweise die Caritas mit ihrem Pflegedienst Alternativen. „Unser ,Essen auf Rädern‘-Angebot erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit“, sagt der Caritas-Vorstand. Hier kann übrigens mittlerweile aus einem Katalog mit 200 Menüs ausgewählt werden. Immer stärker nachgefragt werde auch der Hausnotruf: „Der Sender kann mit einem Armband am Handgelenk oder mit einer Halskette getragen werden“, erläutert Koldewey. „Benötigt wird lediglich ein Festnetz- und ein Stromanschluss.“ Das sei vor 15 Jahren in der Form noch nicht möglich gewesen und trage dazu bei, „dass ältere Menschen länger mit einem guten Gefühl in ihrer gewohnten Umgebung leben können“.

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Tablettenausgabe und Blutzuckermessen gehören zu den täglichen Aufgaben der Pflegekräfte

Tablettenausgabe und Blutzuckermessen gehören zu den täglichen Aufgaben
der Pflegekräfte

Im Laufe der letzten Jahre ist das Angebot zudem immer differenzierter geworden. Wohngemeinschaften für Demenzkranke gibt es mittlerweile fast in jeder Stadt –
beispielsweise von der Caritas in Bergisch Gladbach-Romaney und in Kürten-Bechen. „Die ambulant betreute Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz und deren Angehörige stellt eine alternative Wohnform zwischen häuslicher und vollstationärer Versorgung dar“, erläutert Koldewey.

Ein immer stärker nachgefragter Bereich ist auch die Tagespflege, die älteren Menschen, die sich tagsüber zu Hause nicht mehr allein versorgen können oder einfach einsam sind, die Möglichkeit bietet, den Tag in einem geeigneten Umfeld mit ausgebildetem Personal zu verbringen –
Programm und Verpflegung inklusive. Im carpe diem Seniorenpark Bergisch Gladbach-Bensberg beispielsweise stehen 14 Plätze zur Verfügung. Von Sitzgymnastik über Kniffeln, das Erstellen von Fotoalben bis hin zu Bingo und einem Schlagerquiz gibt es dort ein abwechslungsreiches Programm, wie Einrichtungsleiter Thomas Schlünkes erzählt.

Und auch für Menschen mit speziellen Bedürfnissen gibt es mittlerweile passende Angebote: Der Verein Die Kette e. V. wurde 1984 aus der Idee heraus gegründet, Menschen mit einer psychischen Behinderung  zu unterstützen. „Eine Unterstützung, die es bis zu diesem Zeitpunkt – bis auf ein gemeinsames Kaffeetrinken – in Bergisch Gladbach nicht gab“, sagt Claudia Seydholdt, Vorstand des Vereins und seit der Gründung dabei. „Mittlerweile gibt es ein so ausdifferenziertes Angebot, von dem ich in den 1980er-Jahren nicht zu träumen gewagt hätte“, so Seydholdt. Es reicht von Beratung über Bildung bis hin zur Arbeitstherapie. „Der Erhalt von Lebensqualität im Alter hat einen hohen Stellenwert in unserer Arbeit“, erläutert Seydholdt. Die Angebote umfassen Freizeittreffs in Bergisch Gladbach und Overath-Untereschbach, einen ambulanten gerontopsychiatrischen Fachdienst, der ein individuelles Beratungs- und Betreuungsangebot für psychisch erkrankte Menschen im höheren Lebensalter und ihre Angehörigen anbietet und die Begleitung und Pflege psychisch erkrankter und demenziell veränderter Menschen in Demenzwohngemeinschaften in Odenthal.

Zwei weitere Pflegewohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf in Rösrath-Hoffnungsthal sind in Planung.

Auf Basis der persönlichen Biografie und Interessen entstehen  Ideen für Unterstützungsangebote,  die von gemeinsamen Ausflügen über handwerkliche Tätigkeiten bis hin zum Musizieren reichen können. „Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit dem betroffenen Menschen ein Hilfekonzept zu erarbeiten, um eine möglichst selbstständige Lebensführung zu erhalten. Durch unterstützende Maßnahmen sollen Heim- und Klinikaufenthalte weitgehend vermieden werden.“

Für ein Wohlfühlklima sorgen Tülay Walda und ihre Kolleginnen für Bewohner und Besucher der Pflegeeinrichtung Haus Regenbogen in Wermelskirchen

Für ein Wohlfühlklima sorgen Tülay Walda und ihre Kolleginnen für Bewohner und Besucher der Pflegeeinrichtung Haus Regenbogen in Wermelskirchen

Privatwirtschaft trifft auf gemeinnützige Anbieter

Charakteristisch für die Branche ist, dass gemeinnützige und privatwirtschaftlich agierende Akteure aufeinandertreffen. Gerade in den vergangenen Jahren sind im Bereich der Altenpflege immer mehr  Häuser eröffnet worden, die von bundesweit agierenden Unternehmen geführt werden. Eines dieser Unternehmen hat seinen Sitz im Rheinisch-Bergischen Kreis, genauer gesagt in Wermelskirchen: die 1998 gegründete carpe diem Gesellschaft für den Betrieb von Sozialeinrichtungen mbH mit der hundertprozentigen Tochtergesellschaft Senioren-Park carpe diem GmbH. 1998 wurde das erste Haus in Niederselters bei Limburg eröffnet. Mittlerweile betreibt carpe diem 21 Einrichtungen (davon mit Bergisch Gladbach-Bensberg, Wermels­kirchen-Dabringhausen und Wermelskirchen-Zentrum drei im Kreisgebiet), verfügt über knapp 1.900 stationäre Pflegeplätze, 640 betreute Wohnungen, Tagespflegeeinrichtungen, ambulant versorgte Hausgemeinschaften, ambulante Pflegedienste, mobile Mahlzeiten- und Wäschedienste sowie eigene gastronomische Einrichtungen als Café-Restaurants mit den dazugehörigen Großküchen-, Wäscherei- und Reinigungsbetrieben. Das Unternehmen beschäftigt bundesweit ca. 2.000 Mitarbeiter und mehr als 200 Auszubildende.

„Es ist ein vernünftiges Miteinander der verschiedenen Akteure“, sagt Caritas-­Vorstand Koldewey, der für rund 500 Mitarbeiter verantwortlich ist. „In verschiedenen Gremien sitzen wir gemeinsam am Tisch und sprechen auch Empfehlungen für einen Mitbewerber aus, wenn wir selbst kein passendes Angebot unterbreiten können.“ Und am Ende entscheiden sowieso meist keine bunten Bilder in Prospekten, sondern das Bauchgefühl. „Pflege ist Vertrauenssache“, sagt Elisabeth Schall vom gleichnamigen Kranken- und Altenpflegedienst. „Unsere Mitarbeiter sind erfahrene, gut ausgebildete und examinierte Fachkräfte. Zudem verfügen wir über eine mehr als 20-jährige Erfahrung und profitieren von Mund-zu-Mund-Empfehlungen“, sagt Schall, die sich auch als Gründungsmitglied des Landesverbandes freie ambulante Krankenpflege NRW engagiert. Oft seien Details das Zünglein an der Waage. „So haben wir im Gegensatz zu vielen anderen Pflegediensten keine Werbung auf unseren Dienstfahrzeugen. Wir möchten damit gewährleisten, dass die Privatsphäre der zu Pflegenden auch nach außen privat bleibt“, sagt Schall.

Hingebungsvolle Pflege wird den alten Herrschaften zuteil – dazu gehört auch der „Ausflug“ in den großen Garten mit der herrlichen Aussicht in die Natur

Hingebungsvolle Pflege wird den alten Herrschaften zuteil – dazu gehört auch der „Ausflug“ in den großen Garten mit der herrlichen Aussicht in die Natur

 

Was zählt: Mensch oder Geld?

Wie wirtschaftlich kann – oder muss – ein gemeinnütziger Pflege-Anbieter sein? Für Koldewey gilt: „Wir haben den Menschen im Fokus, nicht die Gewinnmaximierung. Wenn das so wäre, würden wir uns nur die Rosinen herauspicken und alle unwirtschaftlichen Angebote einstellen. Das kommt für uns aber nicht infrage. Wir lehnen beispielsweise keinen Auftrag ab, nur weil ein Kunde ländlich wohnt und die Anfahrt viel Zeit in Anspruch nimmt und so hohe Kosten verursacht.“

„Wir sind als gGmbH nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet“, sagt auch Axel Pulm, Geschäftsführer der Lebenshilfe Service gGmbH in Wermelskirchen. Die ideellen Ziele seien höher angesiedelt. Ein Beispiel: „Wir betreuen derzeit eine Person mit großem Aufwand. Das bekommen wir nicht bezahlt, tun es aber trotzdem, weil es uns wichtig ist. In dem Fall verwenden wir Geld aus Überschüssen, die wir an anderer Stelle erzielen.“ Dennoch verstehe sich die Lebenshilfe Service gGmbH als ein professionell und wirtschaftlich agierendes Unternehmen. „Wir haben Verantwortung für 350 Mitarbeiter, die pünktlich ihr Geld erhalten wollen.“

Einen Wettbewerb gibt es um qualifizierte Mitarbeiter – in einer Branche, in der rund 85 Prozent der Beschäftigten weiblich sind und die Quote der Teilzeitbeschäftigten in Alten- und Pflegeheimen bei rund 62 Prozent liegt, in der ambulanten Pflege gar bei 70 Prozent. Individuelle Teilzeitarbeitsmodelle sind somit bei fast allen Akteuren nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Koldewey ist stolz darauf, dass die Fluktuation bei den Mitarbeitern sehr gering ist. Dazu trage neben einem hohen Bekanntheitsgrad sicherlich das Caritas-Tarifsystem samt Zusatzrente bei – aber auch, dass das Motto „Der Mensch zählt“ nicht nur auf dem Papier existiere.

Heimleiterin Edith Runkel-Wünschmann betreibt mit Ehemann Bernd Wünschmann das Haus Regenbogen in Wermels­kirchen

Heimleiterin Edith Runkel-Wünschmann
betreibt mit Ehemann Bernd Wünschmann das Haus Regenbogen in Wermels­kirchen

„Wir bilden selbst aus“, sagt Edith Runkel-Wünschmann. Vier examinierte Mitarbeiterinnen sind ehemalige Haus-Regenbogen-Auszubildende. „Zudem lege ich großen Wert auf ein gutes Betriebsklima und eine persönliche Bindung zu den Mitarbeitern. Da können wir als relativ kleine Einrichtung sicherlich punkten. Ich als Geschäftsführerin und Heimträgerin kenne alle Mitarbeiter mit ihren Stärken, Schwächen, Sorgen und Nöten persönlich“, so Runkel-Wünschmann, die sich freut, dass ihr Sohn Benjamin neben seinem Gesundheits- und Sozialmanagement-Studium bereits im Familienunternehmen mitarbeitet und dieses voraussichtlich später auch übernehmen wird.
„Wir denken beim Thema Personal langfristig“, sagt Claudia Seydholdt, Chefin von 180 Mitarbeitern. Gerade bei den examinierten Pflegekräften sei die Situation schon jetzt schwierig. Darum gilt: „Wir stellen auch über Bedarf ein, wenn wir die Chance haben, so an gute, qualifizierte Mitarbeiter zu kommen und diese auch an uns zu binden“, so Seydholdt. „Verlässlichkeit ist wichtig für unsere Klienten.“ Fortbildungen und Supervision finden regelmäßig statt.

Blick in die Zukunft

Die Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade ab 2017 ist ein Thema, das derzeit alle Akteure beschäftigt. „So wie es bislang war, konnte es nicht bleiben. Die Anforderungen sind mittlerweile sehr hoch – und dadurch auch die Kosten für Pflege.“ Runkel-Wünschmann ist verhalten optimistisch, dass sich die Situation durch die Pflegegrade zumindest verbessert, „weil der individuelle Pflegebedarf des Einzelnen dann stärker berücksichtigt wird“. Aber das sei nur der Anfang …

Robotic ist ein anderes Stichwort, über das in der Branche derzeit intensiv diskutiert wird: „Dass in den nächsten Jahren Menschen von Robotern gepflegt werden, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Koldewey, wohl aber, dass Service-Roboter andere Aufgaben übernehmen, wie das Einsammeln und Ausgeben von Essenstabletts – „damit den menschlichen Pflegern mehr Zeit bleibt, sich um die Bewohner zu kümmern“, wie Koldewey betont, „nicht um Arbeitsplätze wegzurationalisieren“. Eine weitere Überlegung ist, wie sich Flüchtlinge in die Pflege einbinden lassen. „Wir bei der Caritas sind ja aktiv und intensiv in die Flüchtlingsarbeit eingebunden“, sagt Koldewey. „Wir können uns gut vorstellen, die Flüchtlinge entsprechend auszubilden.“

Liebevoll umsorgt werden die Bewohner im Haus Regenbogen: Heike Müller bringt Getränke für den Nachmittagskaffee

Liebevoll umsorgt werden die Bewohner im Haus Regenbogen: Heike Müller bringt Getränke für den Nachmittagskaffee

Liebevoll umsorgt werden die Bewohner im Haus Regenbogen: Heike Müller (unten) bringt Getränke für den Nachmittagskaffee, Isabell Benisch (Fachkraft für Dementenbetreuung) sorgt im Therapieraum mit Massagen und Kirschkernkissen fürs Wohlbefinden

Isabell Benisch (Fachkraft für Dementenbetreuung) sorgt im Therapieraum mit Massagen und Kirschkernkissen fürs Wohlbefinden

 

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass das Thema Pflege in der Zukunft auch für Unternehmen immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Was ist, wenn der Angehörige eines Mitarbeiters plötzlich pflegebedürftig wird? „Viele Mitarbeiter haben noch immer Hemmungen, offen zu kommunizieren, wenn dieser Fall eintritt“, weiß Thomas Schlünkes, carpe-diem-Einrichtungs­leiter. „Und wenn es kommuniziert wird, wissen Unternehmer häufig nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen. Hier helfen fachkundige Informationen.“ Und darum bietet carpe diem auch Beratung für Unternehmen an. Auf Wunsch können Kooperationsvereinbarungen geschlossen werden.

Aktiv in diesem Bereich ist auch die Diakoniestation Wermelskirchen gGmbH­­ mit dem Netzwerk Beruf und Pflege/­Betreuung, in dem gemeinnützige und kommerzielle Einrichtungen und Dienste eng zusammenarbeiten. „Wir informieren und beraten direkt am Arbeitsplatz schnell und unbürokratisch über die Möglichkeiten von Pflege und Betreuung“, sagt Peter Siebel, Geschäftsführer der Diakoniestation. Arbeitnehmer profitieren, weil sie bei der häuslichen Versorgung hilfebedürftiger Angehöriger entlastet werden können. „Arbeitgeber haben dadurch gleich mehrere Vorteile“, so Siebel: Fehlzeiten würden reduziert, Personalengpässe verhindert. „Familienfreundlichkeit ist zudem mittlerweile ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl des Arbeitgebers“, so Siebel. „Unternehmen können in Zeiten des Fachkräftemangels so punkten und haben zudem eine niedrige Personalfluktuation.“

Klar wird: Um die künftigen Herausforderungen im Pflegebereich zu meistern, müssen im Bereich Fachkräftesicherung und -marketing alle Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen. In diesem Bereich engagiert sich auch die RBW – unter anderem über die Initiative „Kluge Köpfe bewegen“.


INTERVIEW
Christel Bienstein (*1951) hat nach ihrer Berufstätigkeit als Krankenschwester und einem Studium der Pädagogik am Bildungszentrum Essen des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe gearbeitet, dessen Leitung sie später übernahm. Ab 1994 baute sie an der privaten Universität Witten/Herdecke den Studiengang Pflegewissenschaft auf, seit 1996 können hier Pflegende den Bachelor- bzw. Masterabschluss erwerben und promovieren. Sie ist unter anderem Vorstand des Vereins Pflege e. V. und Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe.

Christel Bienstein (*1951) hat nach ihrer Berufstätigkeit als Krankenschwester und einem Studium der Pädagogik am Bildungszentrum Essen des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe gearbeitet, dessen Leitung sie später übernahm. Ab 1994 baute sie an der privaten Universität Witten/Herdecke den Studiengang Pflegewissenschaft auf, seit 1996 können hier Pflegende den Bachelor- bzw. Masterabschluss erwerben und promovieren. Sie ist unter anderem Vorstand des Vereins Pflege e. V. und Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe.

„Ich hoffe, dass mit der Einführung der Pflegegrade weniger Pflegende frustriert in einen anderen Beruf wechseln und sich mehr Menschen für einen Pflegeberuf entscheiden“

Prof. Christel Bienstein, Leiterin des Departments für Pflegewissenschaft der Uni Witten/Herdecke und Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe

Frau Prof. Bienstein, wo steht die Pflege in Deutschland im Jahr 2016?
Prof. Bienstein: Es gibt ein großes Problem. Es gibt sowohl im hoch- als auch im niedrigqualifizierten Bereich zu wenig Personal. Das macht uns große Sorgen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung wird die Lage in den kommenden Jahren noch viel ernster.

Viele junge Menschen wollen nicht in der Pflege arbeiten. Warum eigentlich nicht?
Prof. Bienstein: Der Beruf ist eigentlich total genial und wird immer vielfältiger. Pflegekräfte können auf Kreuzfahrtschiffen und in Ferienclubs arbeiten; in Zukunft wird es an vielen Schulen eine „School Nurse“ geben. Also: Es gibt viele Einsatzmöglichkeiten und Entwicklungschancen …

Aber …?
Prof. Bienstein: Die Arbeitsbedingungen sprechen für viele dagegen. Die physische und psychische Belastung ist sehr hoch. Viele Pflegekräfte, die charakterlich sehr sozial eingestellt sind und sich bewusst für die Pflege entschieden haben, haben das Gefühl, dass sie nicht genug Zeit für die Pflegebedürftigen haben, dass sie nicht genug tun können. Ich hoffe, dass sich das mit der Einführung der Pflegegrade im kommenden Jahr entspannt und zeitnah dazu führt, dass weniger Pflegende frustriert in einen anderen Beruf wechseln und sich langfristig mehr Menschen für einen Pflegeberuf entscheiden.

Die Frauenquote ist hoch, die Teilzeitquote ebenfalls …
Prof. Bienstein: Ja, vor allem im Bereich der ambulanten Pflege ist das so. Hier arbeiten viele Frauen, die versuchen, Familie und Beruf zu vereinen. Für die Arbeitgeber hat das den Vorteil, dass durch Teilzeitkräfte die Spitzenzeiten am Morgen und Abend effizient abgedeckt werden können. Hier sind individuelle, flexible Modelle gefragt, die für die Pflegenden attraktiv sind. Es sollte zudem eine Aktion geben, den Beruf auch für Männer schmackhaft zu machen.

Wie sieht es eigentlich in anderen Ländern aus?
Prof. Bienstein: Dort sind die Arbeitsbedingungen und das Image zumeist besser. In den Niederlanden zum Beispiel ist ein Pflegender pro Schicht für halb so viele Menschen verantwortlich wie in Deutschland. Ich war kürzlich in Norwegen: Dort ist eine Nurse gesellschaftlich hoch angesehen, bei uns hat man mit den Pflegenden eher Mitleid: „Das könnte ich nicht“ ist ein Standardsatz, den man hier immer wieder hört, wenn man jemandem sagt, dass man in der Pflege arbeitet.

Wie wird es mit der Pflege weitergehen?
Prof. Bienstein: Der Pflegeberuf entwickelt sich zurzeit deutlich weiter in Richtung Professionalisierung. Dabei bildet die anspruchsvolle generalistische Berufsausbildung die Basis für eine Vielzahl an Studiengängen und Spezialisierungen. Außerdem wird die Technik immer mehr Einzug halten: Das ist grundsätzlich eine gute Sache, die man nicht verteufeln sollte. Das wird dazu führen, dass die knappen Mitarbeiterressourcen effektiver eingesetzt werden können.