Das Rösrather Unternehmen Loncego entwickelt Geräte zur elektronischen Muskelstimulation

Das Haus mit Türmchen hat Besuch aus der ganzen Welt. Mal ist der ukrainische „TÜV“ vor Ort, mal Besucher aus Japan, Chile, Polen oder Indien. Ihr Interesse gilt der Elektromyostimulation, umgangssprachlich elektrische Muskelstimulation genannt, kurz: EMS. Die Loncego GmbH& Co. KG in Rösrath gehört zu den Vorreitern in der Entwicklung von EMS-Geräten, die Muskeln statt mit willentlicher Anspannung mittels elektrischer Impulse von außen kontrahieren. Eingesetzt werden die Geräte zur Unterstützung in der Physiotherapie und als zeitsparende Variante zum Fitnesstraining mit Gewichten.

In Haus und Werkstatt befinden sich Entwicklung und Produktion, Verwaltung, Vertrieb und technischer Support; mit ISO–9001-TÜV-zertifiziertem Qualitätsmanagement – und gerade einmal fünf Mitarbeitern. Geschäftsführerin Waltraud Thiemann war 2006 Bilanzbuchhalterin beim Vorgängerunternehmen Fessel, als es um dessen weitere Existenz ging. „Die Frage war: Kopf in den Sand stecken oder Visionen nach vorn tragen“, sagt Thiemann. Sie entschied sich für Letzteres und kaufte sich mit 51 Prozent ein. Eineinhalb Jahre später starb Fessel und Waltraud Thiemann wurde Mutter von Zwillingen. Am Freitag hatte sie noch einen Vertrag abgeschlossen, am Samstag war die Entbindung. „Das ist halt so, wenn man sich selbstständig macht“, sagt sie.

„In Loncego stecken vor allem Herzblut und persönliches Kapital.“
Waltraud Thiemann

Einfach war es nicht. „Eigentlich hatte ich nur einen Kasten und eine Idee übernommen“, sagt sie. Der „Kasten“, sozusagen die Urversion der heutigen Geräte, wurde in den 1990ern vom Mitinhaber Manfred Fessel entwickelt.

Waltraud Thiemann entwickelte das Gerät und Trainingsdress komplett neu. „Inzwischen haben wir einen ganzen Schrank an Entwicklungsstufen“, sagt sie und legt das aktuelle Modell auf den Besprechungstisch. Unzählige Details von Technologie über Bequemlichkeit bis zur Hygiene hat sie Dutzende Male weiterentwickelt. „Die Elektroden sind das Gold in der Weste“, sagt sie. Sie werden aufwendig gefertigt und sind sieben Tage in der Produktion. „Wir bestellen halt nicht die Con-tainer aus China“, sagt Thiemann. „Jedes einzelne Detail muss langlebig sein und wird in Deutschland hergestellt. Wir gehen unsere eigenen Wege und darauf sind wir auch stolz.“

Das Gegenstück zum Dress ist das EMS-Gerät. Es korrespondiert über Software und eine grafische Oberfläche mit dem Anzug, um die 18 Elektroden in ihrer Impulsintensität zu steuern. Was in Russland schon seit Jahren besteht, hat Loncego 2017 auch in Deutschland erhalten: die Zulassung als Medizinprodukthersteller. Doch es ist nicht nur technologisches Know-how, das in die Produkte gesteckt wird. Ebenfalls 2017 erhielt das Unternehmen den „German Design Award“ für sein neuestes Gerät: für Touchdisplay, intuitive Bedienbarkeit per Drag-and-drop, Sicherheitsfeatures, aber auch smarte Details wie satiniertes Glas und beleuchtete Drehregler. „Es gibt keine schönen Knöpfe mehr am Markt“, sagt Thiemann. „Wir lassen sie selbst per Hand fertigen.“

Damit das Geschäft funktioniert, hat die Geschäftsführerin ein Netzwerk an Lieferanten und Zuarbeitern aufgebaut: Hersteller, Ingenieure, Softwareentwickler, Schneider, Sportwissenschaftler, Designer, Praktikanten von der FHDW. „Sie alle sind unsere Erfolgsentscheider und haben eine extrem hohe Identifikation mit dem Produkt und unserem Unternehmen“, sagt sie.

Loncegos Hauptklientel sitzt im Ausland. Die Geräte finden sich in Studios von Marokko bis Mexiko, von Spanien bis Saudi–Arabien. Miss Peru trainiert damit und mehrere Prominente, die nicht genannt werden wollen. Produktbroschüren in Persisch gehören ebenso zum Alltag wie das ständige Einstellen auf völlig andere Kulturen.

18 leistungsstarke Elektroden befinden sich in dem Trainingsdress, das von Loncego selbst entwickelt wurde. Gleichzeitig muss dieses bequem, hygienisch und leicht zu handhaben sein. Über einen Touchscreen lassen sich Trainings- programme und Intensität der Muskelstimulation individuell steuern. Hard- und Software sind ebenso selbst entwickelt wie das Gehäuse.

Mit dem vorhandenen Know-how, Netzwerk und Qualitätsanspruch könnte Loncego längst ein mittelständisches Unternehmen  sein – wären da nicht zwei entscheidende Kernprobleme: Konkurrenz und Wachstumskapital. In den vergangenen Jahren mauserte sich EMS zum Trend im Fitnessbereich. Zwar besitzt Loncego ein Patent für Deutschland, eine europa- oder gar weltweite Patentierung war für das kleine Unternehmen hinsichtlich Zeit und Kosten jedoch nicht machbar. „Ich könnte mittlerweile acht Firmen abmahnen, die eindeutig unser Patent verletzen“, sagt Thiemann.

Waltraud Thiemann sah die Branche rund um sich wachsen, mit teilweise geringerer Qualität, aber eben auch mit geringeren Preisen. „Sie hatten nicht mehr viel Arbeit – die hatten wir ja“, sagt sie. Sie sieht für Loncego deutlich „Luft nach oben“. Höhere Produktionszahlen seien kein Problem, aber es fehlt die halbe Million Euro, die sie in Forschung, Kooperationen, Marketing und Vertrieb stecken würde. „Visionen werden nicht gefördert“ ist ihre Erfahrung.

Ihr Wunsch wäre eine große Werbekampagne und Vertriebsoffensive, doch schon die kalkulierten 150.000 Euro für einen Stand auf der Fitness-Messe FIBO seien aus Privatkapital unbezahlbar. „Wir haben uns eine Riesenstruktur erarbeitet. Manchmal frage ich mich, wie wir das geschafft haben“, sagt Waltraud Thiemann. „Mit einem starken Vertriebspartner oder Investor könnte das Richtung Mond gehen.“

Loncego GmbH & Co. KG
Kölner Str. 62 
51503 Rösrath
Tel.: +49 2205 8946380
info@loncego.de
www.loncego.de


Geschäftsmodell EMS-Studio

Geräte von Loncego sind Grundlage für die Eröffnung eines speziellen EMS-Studios. „Nahezu jeder, der unser Gerät kauft, macht sich selbstständig“, sagt Geschäftsführerin Waltraud Thiemann. „Jedes Gerät bedeutet einen neuen Arbeitsplatz.“ Im Studio-Prinzip vereint sich die Technologie der Geräte mit dem Know-how und der Präsenz eines Trainers. In den eigenen Geschäftsräumen hat Loncego ein Musterstudio aufgebaut, um anderen Inspiration zu geben, aber auch um selbst weitere Erfahrung in der konkreten Anwendung zu erhalten. Die Besucher kommen zum Muskelaufbau nach Krankheit und Unfällen, bei Verspannungen oder Rückenschmerzen, aber auch für ein Fitnessprogramm zum allgemeinen Muskelaufbau.