Von Korn über Liköre bis Gin & Wodka: In fünfter Generation stellt Familie Müllenbach alkoholische Spezialitäten in Rösrath her

Korn ist nicht gleich Korn! Der Bergische Korn von Hoffer Alter rollt samtweich über die Zunge und wird, damit sich das Aroma voll entfalten kann, nicht eiskalt, sondern am besten bei Zimmertemperatur getrunken. Er ist ein Klassiker, der auf dem über 300 Jahre alten Hofferhof in Rösrath gebrannt wird. Doch seit dort Rentmeister Ewald Müllenbach 1880 eine „Korndampfbranntweinbrennerei“ im Nebenerwerb gründete, hat sich viel verändert. Ur-Ur-Ur-Enkel Tino Müllenbach beherzigt in fünfter Generation zwar noch Rezepte und Brenntechniken seines Vorfahren, doch Geräte, Materialien, Geschmacksrichtungen und Produktpalette haben sich mit dem Zeitgeist gewandelt. Gewiss hätte Ewald Müllenbach nie geglaubt, dass mal Gin und Wodka hergestellt und Whisky im Fassraum reifen würde.

Es ist ein Spagat zwischen Tradition und Moderne, den Tino Müllenbach in der letzten Kornbrennerei des Bergischen Landes mit Herzblut meistert. „Das Schnapsbrennen wurde mir in die Wiege gelegt“, meint der 42-Jährige, für den die Übernahme des Betriebs nie eine Frage war. „Es war von klein auf eine Übereinstimmung.“ Die Praxis stockte er mit einer Ausbildung zum Industriekaufmann am Institut für Gärungswissenschaften und bei diversen Gastspielen in anderen Betrieben auf. Als er 2010 Vater Ralf als geschäftsführenden Gesellschafter ablöste, hatte er den Ausbau des Betriebs und die Weiterentwicklung der Produktpalette fest im Blick. „Wir sind dabei, zu sanieren, zu renovieren und zu investieren“, sagt er. „Wir möchten uns auf dem Markt neu positionieren.“

So wird beispielsweise das kultige „Hermännche“, ein 25-prozentiger Quitten­likör, gerade „etwas relauncht“, um ihn der jüngeren Generation buchstäblich schmackhafter zu machen. Zudem sind neue Produkte hinzugekommen, etwa Gin und Wodka, aber auch Likör-Kompositionen wie „Winterpflaume“, „Saure Kirsche“ oder „Nougat“. Derzeitiger Renner unter den rund 60 Spirituosen: „Korn im Cognacfass gereift“, ein 32-prozentiger, samtiger, goldfarbener Genuss im Glas. Spannend wird es 2019, wenn der erste Whisky abfüllfertig ist, der derzeit in Eichenfässern ruht.

Der frische Wind, den der Junior in den traditionsreichen Handwerksbetrieb bringt, gefällt dem 73-jährigen Senior, der noch täglich als Berater in Büro und Fa­brikation mitarbeitet. „Der Junior ist voll dabei!“, sagt Ralf Müllenbach und setzt schmunzelnd hinzu: „Und ich kriege eine Aufgabe, die ich dann abwickle.“ Gerade 2011, als er den Betrieb dem Sohn übertrug, brach eine Katastrophe über die deutschen Brennereien herein: Das staatliche Alkoholmonopol wurde geschlossen. Dadurch hätten 80 Prozent der deutschen Brennereien aufgeben müssen, erzählt Tino Müllenbach. Auch den Hofferhof traf die Gesetzesänderung hart: 95 Prozent der Alkoholproduktion fielen weg, da der Staat als Abnehmer für reinen Alkohol fehlte und die Eigenvermarktung des 96-Prozentigen für so einen kleinen Betrieb unmöglich ist. Seither wird in der Destille reiner Alkohol nur noch für die Eigenvermarktung (dies jedoch in größerer Menge als vor fünf Jahren) hergestellt und unter dem Asphalt des Hofs sicher verplombt in Tanks gelagert – bis zu 36.000 Liter.

Dass die letzte bergische Kornbrennerei die Krise so gut meisterte, liegt wohl an der Innovationsbereitschaft Tino Müllenbachs. Gerade im Krisenjahr 2011 investierte er in eine neue Destille, deren Destillate Geschmacksträger für Liköre sind. 2014 wurde eine neue Abfüllanlage aufgebaut, die bis zu 5.000 Flaschen „Wacholder“, „Rittmeister“ oder „Hermännche“ mit Hochprozentigem befüllen kann. 2015 eröffnete die Kornbrennerfamilie dann, weil zu viele Interessierte immer wieder durch die Fabrikation spazierten, neben dem Büro einen Verkaufsraum. Dieser Werksverkauf lädt Liebhaber alkoholischer Spezialitäten zum Schauen und Verkosten ein – Gratis-Versand von Spontankäufen eingeschlossen.

Das passt zur veränderten Kunden­struktur – weg vom Groß- hin zum End- und Privatkunden. Weniger Großhandel, mehr Direktvermarktung. „Der Paketversand ist deutlich gestiegen“, berichtet Tino Müllenbach. „Und wir haben mehr Besichtigungen.“ Außerdem gebe es zahlreiche Kooperationen mit Start-up-Unternehmen, die mit Spirituosen etwas machen möchten. „Jetzt produzieren wir gerade für einen Schönheitschirurgen einen ,4812 Gin de Cologne‘.“ Auch Privatpersonen können ihre Obsternte vom Hofferhof destillieren lassen, wie eine Dame aus ­Aachen, die mit ihrer Mirabellenernte anreiste.
Wie die Zukunft aussieht? Mal klar, mal cognacfarben und auf jeden Fall alkoholisch! Dafür schafft Tino Müllenbach dieses Frühjahr erst mal neue Sherry-, Cognac- und Rotweinfässer zur Lagerung seiner Brände an. Zukünftig möchte er, unterstützt von seinem Vater und den sechs Mitarbeitern, die Produktvielfalt weiter ausbauen und den Werksverkauf erweitern, am liebsten durch „eine Art-Gastronomie mit Erlebnischarakter“. Und wer weiß, vielleicht führt Töchterchen Lana ja irgendwann die Brennertradition mal fort? Denn schon jetzt erkundigt sich die Fünfjährige mit Kennermiene in Supermärkten und Restaurants: „Haben die auch Hoffer Alter?“

Hoffer-Alter GmbH
Spezialitäten – Brennerei
Hofferhof 68
51503 Rösrath
Tel.: +49 02205 2659
Fax: +49 02205 83617
www.hoffer-alter.de


Wie aus Korn Korn wird

Zunächst ruht die Maische – bestehend aus Mehl, Malz, Wasser und Hefe – drei Tage im Gärtank. In dieser Zeit entsteht in der Mischung der Alkohol. Anschließend wird die Maische gekocht. Dadurch steigt der Alkohol, der bei 78 Grad Celsius siedet, auf, kondensiert sodann in den Leitungen des Destilliersystems und fließt in den Lagerbehälter. Daraus komponieren Destillateure trinkfertige Spirituosen.

100 Liter Alkohol kann die Brennerei pro Stunde herstellen. Damit er korrekt versteuert wird, läuft jeder Tropfen durch eine Uhr, ein Musterbeispiel für Wertarbeit: Seit dem 4. Januar 1910 ist das Gerät ununterbrochen in Gebrauch, zunächst kontrolliert von der Kaiserlich Technischen Prüfungsstelle, jetzt von der Zollkontrollstelle Köln-Deutz. Alle sechs Jahre wird es neu geeicht.