Wie rheinisch-bergische Unternehmen das Potenzial moderner Architektur nutzen

BMW, Google und Apple tun es schon lange: Mit der Architektur ihrer Gebäude spiegeln sie ihre Unternehmenskultur und fördern ihr Markenimage. Doch auch der rheinisch-bergische Mittelstand hat das Potenzial des Objektbaus erkannt. Zunehmend investieren Unternehmen in Corporate Architecture als logische Fortsetzung der Corporate Identity und kommunizieren mit ihren Gebäuden Werte und Selbstverständnis des Unternehmens. Mit strategischem Blickwinkel steigern sie die Effizienz und stellen sich für die Zukunft auf.


Unternehmenskultur in Holz und Beton

Unternehmen nutzen die Architektur zur Erreichung ihrer Ziele

In Overath sorgt eine Fußbodenheizung für das Ende von „Montagsprodukten“, in Burscheid gläserne Türen für mehr Kommunikation und in Bensberg alte ­Mauern für neue Ideen im Kopf. Gewerbebau hat viele Facetten und noch mehr Möglichkeiten: Nachhaltigkeit, Effizienz, zufriedene Kunden wie Mitarbeiter und das Prägen einer individuellen Unternehmens­­kultur.

„Die Effektivität der Menschen und der ­Maschinen ist gestiegen.“ Reinhold Ziewers, ASS

„Wir sind überzeugt, dass das Umfeld den Menschen prägt“, sagt Reinhold Ziewers, Geschäftsführer bei der ASS Maschinenbau GmbH. Vor vier Jahren baute das Unternehmen am Ortseingang von Ove­rath neu. Über 100 Mitarbeiter entwickeln hier Greiferteile, Roboterhände und Automationsanlagen. Am anderen Ende des Kreises hat die W-IE-NE-R Power Electronics GmbH in Burscheid ebenfalls einen Neubau errichtet. Ihre 30 Mitarbeiter stellen Netzteile für Forschung und Industrie her, zum Beispiel für den Teilchenbeschleuniger im Genfer CERN. Zwei höchst innovative Unternehmen aus der Technologiebranche, doch wer vor ihren Gebäuden steht, glaubt zunächst nicht, dass sich dahinter ähnliche Motivationen verbergen. Der eine präsentiert sich in Beton und Glas, der andere in Fichte und Dunkelrot.

„Nachhaltigkeit war uns wichtig und dass unsere Mitarbeiter sich wohlfühlen“, sagt W-IE-NE-R-Geschäftsführer Andreas Köster. Beide Ziele sind erreicht. Das Niedrigenergiehaus erhielt bereits den Holzbaupreis der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald als besonders ökologisch und ressourcenschonend. „Zum Heizen reichen Lampe, PC und Mensch im Normalfall aus“, sagt Köster.
ASS setzte auf naturlasierten Beton, der mit viel Glas zu einem modernen Komplex verschmilzt. Allein das Lichtband in der Fertigungshalle nimmt mit 400 Qua­dratmetern Glas ein Siebtel der Dachfläche ein. Das bedeutet Arbeit bei Tageslicht und das Einsparen eines Großteils der Energiekosten allein bei der Beleuchtung. Beide Unternehmen investierten massiv in Schall- und Wärmedämmung. „Ein halber Meter Isolation auf dem Dach war für mich als bautechnischen Laien schon beeindruckend“, sagt Köster. Und es rechnet sich. Ziewers: „Obwohl wir vorher fast 40 Prozent weniger Fläche hatten, haben wir heute deutlich geringere Kosten mit deutlich mehr Komfort.“

Eine eher ungewöhnliche Investition hat sich für ASS ebenfalls gerechnet: Vom Geschäftsführerbüro bis zur letzten Ecke der Halle liegt Fußbodenheizung. „Unsere sehr empfindlichen Maschinen produzierten im Winter montagmorgens zweite Wahl“, erzählt Reinhold Ziewers. Durch die Fußbodenheizung haben die Maschinenbetten in der neuen Halle eine konstante Temperatur. „Wir produzieren so zu jeder Zeit in gleichbleibend hoher Qualität – das bringt enorm viel“, sagt er.
Die Produktionsprozesse profitieren noch weiter von der neuen Architektur. Die Kranbahn kann auf insgesamt 95 Metern Hallenlänge vom Lager- über die Produktions- bis hin zur Montagefläche durchfahren. So kann sehr flexibel auf Produktionsanforderungen und Auftragslage reagiert werden. W-IE-NE-R erreicht eine ähnliche Effizienz, indem die Gewerke räumlich in einem Ring angelegt wurden. Flexibilität für die Zukunft bietet hier zudem die Modulbauweise, bei der eine Erweiterung problemlos möglich ist.

Sie stehen für nachhaltigen Umgang mit Ressourcen, unterstützen Produktionsabläufe, fördern die Kommunikation und sehen dabei einfach gut aus – es gibt viele Beispiele im Kreis für architektonisch gelungene Gewerbebauten. Einige davon stellen wir exemplarisch in den Textbeiträgen vor, bei weiteren lassen wir die Bilder für sich sprechen. Die villa<<move vereint Alt und Neu, ASS Maschinenbau, W-IE-NE-R und Soennecken eG setzen auf Transparenz und offene Gestaltung der Arbeitsbereiche.

Wenn auch Sie Architekturfotos von Ihren Gewerbebauten haben, freuen wir uns über die Zusendung und veröffentlichen Ihre Fotos gerne in unserer Online-Ausgabe unter
www.punktrbw.de.

Bleiben die Menschen. Dass und wie sie miteinander kommunizieren, ist expliziter Bestandteil der Unternehmenskultur. „Wir sind auf eine offene Kommunikation angewiesen. Hier kann niemand in geheimen Ecken vor sich hinwerkeln“, sagt Andreas Köster, der neben sämtlichen Türen am liebsten noch die Büroinnenwände für mehr Transparenz bei der Arbeit gläsern gestaltet hätte. Der Architekt wies darauf hin, die Mitarbeiter würden die Wände bekleben – egal ob Tapete oder Glas. Auch bei ASS sind alle Türen aus Glas und die Architektur berücksichtigt gezielt Blickachsen. So haben Entwickler und Konstrukteure über eine durchgehende Fensterfront freie Sicht in die Produktionshalle. Hat der Mechatroniker dort ein Problem, braucht er nur zu winken. Diese kurzen Kommunikationswege werden ebenso intensiv genutzt wie die „Besprechungsinsel“ zwischen den Konstruktionsabteilungen. „Diese Architektur passt zu unserer Unternehmenskultur“, sagt Ziewers. „Wir sind offen, unkompliziert und haben klare Strukturen.“

Während die Geschäftsführer der beiden Hightech-Unternehmen ihre Idee in einem neuen Gebäude umsetzten, wartete in Bensberg eine alte Villa auf jemanden mit einer Idee. Das Türmchenhaus aus den 1920er-Jahren wollte niemand haben. Für ein Privathaus ist es zu nah an der Autobahn, ein Geschäftsgebäude braucht keinen zugehörigen Park. Und so stand es, wartete und verfiel. Bis Uwe Flüshöh und seine Frau Sandra Guhlke auf es aufmerksam wurden. „Das Haus hat uns gefunden“, sagt Psychologe Flüshöh. „Es ist die ideale Antwort auf das, was wir tun.“

„Die Villa ist so etwas wie ein zusätzlicher Mitarbeiter.“ Uwe Flüshöh, villa<<move

Was die beiden mit ihren Coaching-­Unternehmen tun, nennt sich offiziell „Managementpsychologie und Organisationsentwicklung“. Dahinter stecken Seminare, Coachings und Events für eine breite Klientel vom Konzernmanager bis zur jungen Mutter, die zurück in den Beruf möchte. Einst fuhren hier Kutschen durch den Park und die Kinder wurden mit einer gusseisernen Glocke zum Essen gerufen. „Hier war mondänes, großes Leben“, sagt Flüshöh. „Auch wir wollen es den Menschen erlauben, groß zu sein.“ Dann schmunzelt er und sagt: „Das hier ist eine artgerechte Haltung für Menschen, die mit Veränderungen zu tun haben.“ Und weil dem so ist, bekam das Gebäude auch den Namen „villa<<move“.

Vom Rösrather Architekten Hans Skandella erhielt die villa<<move einen neuen Look. Das Alte blieb oder kam wieder. Außenmauern wurden zu Innenwänden, anhand alter Fotos wurden aus Kunststofffenstern wieder Holzfenster mit echten Sprossen und geschwungener Laibung. Der markante Turm wirkt nicht mehr trutzig, sondern eher wie der aus „Rapunzel“.

In der Bensberger villa move sorgte früher Blutgruppenforschung für die Verringerung der Säuglingssterblichkeit. Heute unterstützt die verwinkelte Architektur im grundsanierten Gebäude bei Seminaren und Coachings.

Über dem ehemaligen Schwimmbad liegt nun der zentrale Tagungsraum, der bereits Drehort eines Tatorts aus Münster war. „Axel Prahl wollte direkt hier einziehen“, erzählt Flüshöh. Im früheren Schuppen richteten die Eigentümer spontan eine Küche ein, als ein Versicherungskonzern nach einem Koch-Event fragte. Jeder Raum in der Villa bietet Überraschungen und neue Blickwinkel, jede noch so kleine Ecke ist individuell und kreativ gestaltet.

„Wir haben vier Jahre gerungen, weil das Haus nicht so wollte wie wir“, erzählt Flüshöh. Zum Vergleich: ASS brauchte neun Monate, W-IE-NE-R sechs. „Dafür haben wir jetzt etwas, was deutschlandweit einzigartig ist“, sagt der Psychologe. „Nichts ist hier 08/15.“ „Jeder, der hier ist, wird inspiriert. Die Villa ist ein Kraftort“, sagt Sandra Guhlke. Auch Reinhold Ziewers spürt für sein Unternehmen ganz handfeste Auswirkungen. „Die Mitarbeiter wissen dieses Gebäude zu schätzen und sie gehen respektvoll mit ihm um“, sagt er. Nicht nur, dass schmutziges Geschirr in den Pausenräumen der Vergangenheit angehört – auch die Effektivität bei der Arbeit sei gestiegen. „Wenn das Umfeld aufgeräumt ist, ist man auch aufgeräumter im Kopf“, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Man kann viel über die Wirkung der Architektur auf den Menschen lesen, aber wenn man es erlebt, ist es nochmal etwas ganz anderes.“


INTERVIEW: Prof. Jochen Siegemund, TH Köln

Eine Marke für den Mittelstand: Architektur zwischen Tradition und Zukunft

„Als innovatives Unternehmen müssen Sie sich abheben und unverwechselbar werden.“ Dipl.-Ing. Jochen Siegemund, Professor für Entwerfen, Objekt- und Raumgestaltung, Leiter des Master- und Forschungsschwerpunktes „Corporate Architecture“ an der Fakultät für Architektur der TH Köln und Direktor des Cologne Institute of Architectural Design

Was hat sich im Gewerbe- und Objektbau in den letzten 20 Jahren verändert?
Sehr viel. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen haben erkannt, dass sie attraktiv sein müssen. Es geht nicht nur um Inhalte, es geht insbesondere um das Prägen einer Marke. Spätestens dann, wenn andere Kriterien gleich sind, entscheidet der Kunde nach Attraktivität. Daher ist es wichtig, dass Unternehmen ihre Identität sichtbar und erlebbar machen, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Das tun sie auch über die Architektur.

Gilt das nur für die Großen oder auch für den Mittelstand?
Der Mittelstand ist für uns ein ganz spannendes Thema. Das sind Unternehmen mit Geschichte und Tradition, teilweise über Generationen geführt. Im Mittelstand liegt ein riesiges Potenzial. Wir müssen versuchen, es sichtbar zu machen, um den Mittelstand im Markt gut zu positionieren. Der regionale Aspekt spielt dabei eine besondere Rolle. Einerseits, um Mitarbeiter an den Standort zu binden, aber auch, weil hautnah mit regionalen Bauunternehmen etwas Nachhaltiges in und für die Region entwickelt werden kann.

Was ist die Rolle der Unternehmen in diesem Prozess?
Sie müssen sich darüber klar werden, welches ihre Tradition ist und welche inhaltlichen Werte sie umsetzen möchten, zum Beispiel besonders sozial oder nachhaltig zu sein. Oder die Effizientesten zu sein, die mit den besten Produkten, die, die den besten Service oder die schönste Atmosphäre bieten. Sie müssen wissen, wie sie sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen positionieren wollen, um eine Marke zu prägen, mit der sie unverwechselbar werden.

Leichter gesagt als getan, oder?
Es gibt wissenschaftliche Methoden, wie die Marke im Raum erfolgversprechend umgesetzt werden kann. Dafür ausgebildete Architekten stehen beratend zur Seite. Das ist keine Hopplahopp-­Geschichte. Es geht um grundlegende Dinge, die eine strategische Herangehensweise erfordern. Es gehört aber auch eine Portion Herzblut dazu, damit das Ergebnis authentisch wird.

Viele werden nun nach dem notwendigen Budget fragen …
Das muss nicht teuer sein. Wir reden hier nicht von vergoldeten Wasserhähnen. Es geht darum, Menschen und Architektur sinnstiftend zusammenzubringen und dabei einen Mehrwert zu erreichen von Produktion, von Arbeit, von Kommunikation. Architektur ist eine nachhaltige Investition – sie rechnet sich in der Zukunft.

Was sehen Sie, wenn Sie in die Zukunft blicken?
Die Digitalisierung wird uns ordentlich umkrempeln. Es herrscht gerade viel Unsicherheit. Umso wichtiger ist es, eine Identität zu haben, die für Orientierung sorgt. Architektur hat in diesem Zusammenhang noch eine weitere Bedeutung. Sie kann einen Wiedererkennungswert, Sicherheit, Beständigkeit und Verortung auslösen.

Prägt die Architektur die Gesellschaft oder umgekehrt?
Das ist die alte Frage nach der Henne und dem Ei. Nehmen Sie etwa den Schulbau, in dem gerade immens viel in Richtung einer Architektur mit offenen Lernlandschaften und Lernstrukturen passiert. Wer das in der Schule kennenlernt, wird es später im Unternehmen fordern, zum Beispiel mit Arbeitsformen wie Coworking oder Open Office. Open-Space-­Büros sind aber nicht immer einfach umzusetzen. Die Architektur muss hier auf die Anforderungen der Mitarbeiter reagieren. Das führt zum Beispiel zu einer verstärkten ganzheitlichen Betrachtung aller Gewerke. Aspekte wie Schallschutz und Beleuchtung gewinnen stark an Bedeutung. Es geht letztendlich nicht mehr darum, ein Büro zu gestalten, sondern einen Lebensraum.


Im OSMAB-Gebäude befindet sich viel Kunst an den Wänden

Das Innerste nach außen kehren

Wie drei Architektenpaare aus Rhein-Berg für Unternehmen Tradition und Zukunft verbinden

Es ist ein sensibles Zusammenspiel zwischen Bauherren und Architekten. Am Anfang steht nicht nur eine Idee, sondern auch ein Budget. Neben den Wünschen des Unternehmers stehen die Möglichkeiten von Statik und Material, von energetischer Effizienz und neuen Technologien, von Form und Design. Weiterhin die Besonderheiten des Standorts und nicht zuletzt eine anschauliche Zahl an Verordnungen, die kontinuierlich aktualisiert werden. Als wäre das nicht genug, findet das Ganze in einer Welt statt, die sich immer schneller dreht und die von der Digitalisierung innerhalb von zehn Jahren mal eben auf den Kopf gestellt werden kann.

Im Netz von Anforderungen und Möglichkeiten gilt es für Bauherren und Architekten, einen gemeinsamen Weg und eine gemeinsame Sprache zu finden. Das ist insbesondere dann vonnöten, wenn der Unternehmer eine Idee umgesetzt sehen will, die vor ihrer Materialisierung im Raum zunächst in Worte gefasst werden muss.

Monatelang saßen die Bergisch Gladbacher Architekten Angelika und Hans Peter Bilo mit einem Unternehmer zusammen, der in Troisdorf ein Gebäude für sein Modeunternehmen bauen wollte. „Er wollte einen Aha-Effekt haben, damit seine Kunden wissen, wohin sie kommen“, erzählt Angelika Bilo. Aber erst als er ein Foto aus einer Zeitschrift schickte, verstanden die Architekten. „Mündlich hat er uns eine Schwarzwaldklinik beschrieben und im Kopf hatte er eine postmoderne Industriearchitektur“, sagt Hans Peter Bilo. Ganz so extrem geht es selten zu, immer aber ist es ein fortlaufendes Geben und Nehmen, ein gemeinsames Wachsen. Das Ehepaar Bilo begleitet seine Kunden teilweise schon Jahrzehnte. Eine der Herausforderungen ist dabei der Generationenwechsel in Familienunternehmen. Dabei begleitete das Büro Bilo zum Beispiel den Heider Verlag (siehe Porträt Seite 38 f.) und das Selbstklebefolien produzierende Unternehmen ASLAN,  Schwarz GmbH & Co. KG in Overath.
Die neue Generation bei ASLAN wollte ein neues Verwaltungsgelände, Nachhaltigkeit, Moderne, Effizienz. Das Grundstück jedoch war knapp. Nach vielen Skizzen machte das Ehepaar Bilo den unkonventionellen Vorschlag, das neue Verwaltungsgebäude über die Produktionshalle zu bauen. So setzte die neue Generation der alten sozusagen noch eins obendrauf, ohne dabei die Bindung zur Tradition zu verlieren. Ein Glücksfall, der zudem noch ressourcenschonend und kostenorientiert war. „Manchmal muss man beim Bauherren erst Vorstellungen freilegen“, sagt Hans Peter Bilo. „Dann springt der Funke über.“

„Gewerbearchitektur hört sich so banal an, ist aber hochspannend.“ Annette Heine, Architektin, Bergisch Gladbach

Genau diesen Funken möchten auch die Architekten Annette und Stephan Heine auslösen. Sie sind Experten für kognitive Architekturpsychologie. „Die räumliche Organisation hat erheblichen Einfluss auf die Motivation“, sagt Stephan Heine. „Organisationen und Unternehmen verschenken dieses Potenzial, wenn sie sich nur mit einer Hülle ummanteln.“ Lange Flure oder auch eine zu bombastische Architektur sieht er mit negativen Emotionen verbunden. Stattdessen brauche es clevere Raumkonzepte mit integrierten Besprechungsbereichen, weniger Räume als vielmehr eine Lebenswelt, die einlädt, aktiv etwas zu tun – seine Arbeit zum Beispiel. Bei Kunden hingegen soll die Kaufmotivation geweckt werden. Das Verkaufs- und Ausstellungsgebäude Orchidea konzipierten die Architekten Heine zum Beispiel als „Visitor Center“ mit verschiedenen Biotop-Zonen. „Der Raum wurde zum Instrument, das es dem Kunden ermöglicht, auf Entdeckungsreise zu gehen“, erklärt Heine. Die Kunden kommen, weil das Einkaufen ein Erlebnis ist. Bekanntheitsgrad und Image steigen – und mit ihnen die Verkaufszahlen.

Offene Strukturen und ein gläsernes Dach quer durch das Gebäude bei OSMAB in Rösrath-Hoffnungsthal (l.) oder farbliche Akzente in den Laborgebäuden von Miltenyi Biotec in Bergisch Gladbach (r.) – moderne Architektur spiegelt auch die Unternehmenskultur wider

Damit Architektur eine Nachhaltigkeit erreicht, braucht der Architekt Wissen über seinen Auftraggeber und ebenso viel Einfühlungsvermögen. Der Bauherr seinerseits muss bereit sein, manchmal auch sein Innerstes nach außen zu kehren. „Wir müssen den Bauherrn bewegen, seine Firmenentwicklung zehn, 20, besser 30 Jahre zu planen“, sagt Angelika Bilo und ihr Mann ergänzt: „Manchmal müssen wir die eher konservativ operierenden bergischen Unternehmer auch vor dem Fehler bewahren, zu vorsichtig zu denken.“ Je besser der Architekt die Sprache seines Kunden spricht, desto mehr verschwimmt die Grenze zum Unternehmensberater.

Martina und Oliver Rischko aus Odenthal haben sich mit ­rischko architekten auf eine „Fremdsprache“ konzentriert, auf die der Ärztebranche. Dennoch steht auch bei ihnen in jedem ­Einzelfall eine individuelle Analyse am Anfang, wie die Arbeits­abläufe jetzt sind und in Zukunft sein sollen. Der Trend sei derzeit eindeutig. „Marketing gehört auch in einer Arztpraxis dazu“, sagt Oliver Rischko. „Den Dienstleistungsgedanken hat es früher so nicht gegeben.“ Der Gedanke hinter der Dienstleistung ist, für den Patienten eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Der Hintergedanke der, dass sich dadurch Umsatz generieren lässt. „Das Auge isst mit“, sagt Rischko. Auch er erlebt in den letzten Jahren einen massiven Generationenwechsel. Die junge Generation Ärzte legt viel Wert auf ein einheitliches Ganzes. „Das geht hin bis zu Logo und Website, bis zur letzten Steckdose und dem letzten Griff an der Schublade“, sagt er.

Genau darauf hat sich das Ehepaar Rischko eingestellt. „Das Wort klingt ein wenig abgedroschen, aber es ist absolut aktuell: Wir planen ganzheitlich“, sagt Oliver Rischko. Zu Beginn steht die Funktion, daraus resultiert die Form. Zur Form kommt die Farbe, zur Farbe das Licht. Nicht nur Ärzte und Patienten schätzen das „einheitliche Ganze“. Bereits für zwei TV-Serien wurde in Praxen gedreht, die das Architektenpaar Rischko gestaltet hat.

Abseits von TV-Glamour und werteprägenden Mauern gilt es, mit beiden Beinen in der Realität der Verordnungen zu stehen. „Brandschutz und Barrierefreiheit beeinflussen jedes Design“, sagt Oliver Rischko. Dazu kommen branchenspezifische Anforderungen, bei Arztpraxen zum Beispiel verschärfte Hygienerichtlinien. Wenn hier etwas nicht beachtet wird, scheitert die glorreichste Idee, denn die Praxis ist nicht mehr abnahmefähig.

Effizienz ist über alle Branchen hinweg eine Anforderung an neue Gebäude. Auch hier recherchieren die Architekten sehr genau, insbesondere Abläufe und Wege. Laufwege architektonisch zu optimieren ist für Patienten und Ärzte ebenso wichtig wie für den Wareneingang und -ausgang im Produktionsunternehmen.

Bleibt das allgegenwärtige Thema der Digitalisierung. „Eine CIA-Außenstelle ist ein Keks gegen eine Arztpraxis“, sagt Rischko. Scherzhaft natürlich, aber die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist hoch entwickelt. Verschiedenste Endgeräte sind zu berücksichtigen, Softwarehersteller stellen Ansprüche, Datensicherheit und Diskretion müssen beachtet werden. „Das alles bedeutet eine immense Verkabelung“, so Rischko.

Die Digitalisierung macht vor keiner Branche halt. Architekten müssen zukünftigen Entwicklungen mit größtmöglicher Flexibilität begegnen und aktuelle Technologien integrieren. Insbesondere nehmen die Möglichkeiten von Smart Grid (intelligentes Stromnetz) und Smart Building (Gebäudeautomation) ständig zu. Digital vernetzbare Beleuchtungssysteme, automatisierte Betriebskostenabrechnung, Zugangs- und Sicherheitssysteme oder dynamische Fluchtwegeplanung sind nur einige Stichwörter, die in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen werden.

„Ein Gebäude hat ­Einfluss auf das Denken und Verhalten von ­Organisationen.“ Stephan Heine,
Architekt, Odenthal

Am Anfang war die Idee – und das Budget. „Das Erste, was wir hören, ist: Es darf nichts kosten“, sagt Hans Peter Bilo. „Im Grunde aber träumen alle von spektakulären Bauten. Doch durchdachte Ideen rentieren sich in der Zukunft und auch guter Rat ist unterm Strich meist nicht zu teuer. „Eine coole Praxis muss nicht teuer sein“, sagt Oliver Rischko und Stephan Heine legt nach: „Auf keinen Fall teurer, eher umgekehrt, weil man vorher genau nachdenkt, was man braucht und was nicht.“ Dann kann es durchaus passieren, dass manches, das vorher unverzichtbar schien, plötzlich überflüssig wird – seien es Flure in der Kita oder gar ein ganzes Grundstück für ein Verwaltungsgebäude.


Architekten aus Rhein-Berg

Die Wahl eines Architekten ist vor allem eine Sache des Vertrauens. Vertrauen in seine Kompetenz, aber auch in die „Chemie“, die bei einem Bauvorhaben stimmen muss. Die Suche und Entscheidung sind von individuellen Anforderungen und Prioritäten bestimmt. Kriterien können zum Beispiel Preis, Nachhaltigkeit, Kreativität in der Umsetzung, technologisches Know-how und Ansprüche an die Qualität sein. Das Spektrum der Architekten im Rheinisch-Bergischen Kreis ist groß. Die für den Text interviewten Architektenpaare bilden einen Querschnitt der unterschiedlichen Ausrichtungen. Das eine ist sehr intensiv in der Region tätig, das andere deutschlandweit in nur einer Branche, das dritte hat ein ganz spezielles Konzept. Eine Online-Architektensuche nach Ort, Fachrichtung und Tätigkeitsart bietet die Architektenkammer NRW an.

www.aknw.de

Architekturbüro Bilo
Angelika & Hans Peter Bilo
Bürogebäude, maßgeschneiderte Produktionshallen und Industriebauten, Wohnungsbau, Sanierungen
www.bilo-architekt.de

rischko architekten
Martina & Oliver Rischko
Praxisplanungen für Arzt, Fach- & Zahnarzt; med. Fachplanung, Licht-, Möbel- und Innenraumgestaltung
www.rischko.com

Corporate Architecture Management
Annette & Stephan Heine
Kognitive Architekturpsychologie, Bauvorhaben als Medium der Organisationsentwicklung, ganzheitl. Prozessmodell
www.cam-heine.de


Bürogebäude in Overath umgesetzt von Hamacher (o. l.), Bürogebäude (o. r.) von Nordhaus. Auch die Hotelaufstockung (kleine Bilder links von oben) ist von Nordhaus umgesetzt, die individuelle Architektur für ASLAN in Overath und ein Modeunternehmen in Troisdorf vom Architekturbüro Bilo geplant.

 

Fertigbau als Alternative

Ob neu oder aufgestockt:
Gewerbebau bietet individuelle Vielfalt

Der Holzmarkt boomt. Auch Gewerbebauten aus dem nachwachsenden Rohstoff liegen im Trend. „Wir gewinnen immer mehr Marktanteile“, sagt Markus Brandt, Vertriebsleiter bei der Nordhaus Fertigbau GmbH in Kürten. Und das, obwohl die Landesbauverordnung NRW für Holzbauten eine maximal zweigeschossige Bauweise vorschreibt. „In Hessen darf man sechs oder sieben Geschosse in Holz bauen“, sagt Brandt und hofft auf eine Änderung der Verordnung zum Ende des Jahres. Dass Holz sich immer mehr zum beliebten Baustoff auch im Gewerbebau mausert, bestätigt auch Christiane Hamacher von der Hamacher GmbH in Overath. Sie führt es insbesondere zurück auf das gute Raumklima. Das gelte nicht nur für die „hard facts“ wie Luftreinheit, Luftfeuchtigkeit und Wärmeregulierung, sondern auch für das subjektive Empfinden. „In einem Holzbau entwickeln die Menschen mehr Tatendrang und lassen sich von der Atmosphäre inspirieren. Das ist ein weicher Faktor, der sich für Unternehmen konkret auszahlt“, sagt sie. Einen weiteren Trend sehen beide Fachleute im Aufstocken. „Wir berücksichtigen das häufig von Beginn an“, sagt Hamacher. Energieeffizienz ist für Holzhäuser ein Leichtes. Der KfW-55-Standard wird mit einem Holzhaus spielend erreicht. „Dafür reichen sogar 30 Zentimeter Außenwand, während es bei Beton schon mal 50 werden“, sagt Markus Brandt. Die Umsetzer spüren die Herausforderung neuer Technologien nicht nur bei der Energie. „Wir verfolgen die Entwicklung von Smart Building intensiv mit unseren langjährigen Partnern zusammen“, sagt Christiane Hamacher. Unerlässlich sei dabei die konsequente Weiterbildung der Mitarbeiter. Was das Thema Fertigbau angeht, ist der Gedanke, der Bauherr müsse sich ein Musterhaus aussuchen, komplett falsch. „Das ist absoluter Schnee von gestern“, sagt Brandt. „Heute kommen die Bauherren mit eigenen Plänen und wir können diese nahezu zu
100 Prozent umsetzen.“ Karin Grunewald

www.hamacher-holzbau.de
www.nordhaus.de