Stadt Rösrath und RBW informierten zum Thema Inklusion in Unternehmen anhand gelungener Firmenbeispiele

Welche Kompetenzen und Potenziale können Menschen mit Behinderung in Unternehmen einbringen? Diese Frage gewinnt angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels an Bedeutung. Die Stadt Rösrath und die RBW luden daher zu einem Infoabend ein, der aufzeigte, welche Wege Firmen gehen können, um für sich die Potenziale von Menschen mit Behinderung zu erschließen. Anhand von Beispielen wurde aufgezeigt, wie Inklusion in der Arbeitswelt funktionieren kann.

„Dazu gehört ein wenig Mut“, bekannte Rösraths Bürgermeister Marcus Mombauer im voll besetzten Saal der Eulenbroicher­ Bildungswerkstatt. Seine Verwaltung kann eine „Behindertenquote“ von 9,4 Prozent­­ ­vorweisen (Bundesdurchschnitt: ­4,69 Prozent).­ Mombauers Erfahrung: „Dass Menschen mit Einschränkungen genauso eingesetzt werden wie Menschen ohne Einschränkungen, das geht in den allermeisten Fällen.“ Und er könne sagen: „Es funktioniert gut!“

Ins Thema führte Gerhard Zorn, Abteilungsleiter des LVR-Integrationsamtes, mit dem Impulsvortrag „Inklusion in der Arbeitswelt“ ein. 1,15 Millionen behinderte Beschäftigte gebe es in Deutschland, wobei die Zahl stetig steige – nicht weil Firmen mehr Behinderte einstellen, sondern weil Beschäftigte plötzlich krankheitsbedingt in den Behindertenstatus wechseln. Im Rheinland sei im öffentlichen Dienst jeder 16. Arbeitsplatz mit einem Schwerbehinderten besetzt (7,3 Prozent), in der Privatwirtschaft dagegen nur jeder 25. Arbeitsplatz (4,8 Prozent). Das sei angesichts des Fachkräftemangels unverständlich, da Schwerbehinderte oft besondere, arbeitsnützliche Fähigkeiten hätten. So habe er einen jungen Mann mit Asperger-Syndrom kennengelernt, der als Schuhmacher-Azubi eine Naht mit der Hand gerader genäht habe als andere mit der Maschine.

Zorn erklärte, dass Unternehmen, die Menschen mit Behinderung einstellen oder weiterbeschäftigen, Zuschüsse in Anspruch nehmen können, etwa zu den Investitionskosten zur Schaffung des behindertengerechten Arbeitsumfelds. Auch Kfz-Hilfen gebe es, Kostenübernahme von Gebärdendolmetschern und vieles mehr.

Moderiert von Bianca Degiorgio, bei der RBW für Fachkräftesicherung und -marketing zuständig, stellten drei rheinisch-bergische Firmen vor, wie Inklusion am Arbeitsplatz aussehen kann. Für die GKN Service International GmbH in Rösrath, europäisches Headquarter des britischen Konzerns, berichteten Personalreferentin Alexandra Hennes und Kollegin Michelle Hellmer, wie die plötzliche Gehbehinderung von Mitarbeiterin Gabi Falkenstein – im Rollstuhl im Publikum – aufgefangen wurde: durch ein neues Arbeitsfeld, die Umsetzung, eine behinderten­gerechte Arbeitsplatzgestaltung. GKN habe das Know-how der Mitarbeiterin im Unternehmen halten wollen, die neue Arbeitsstätte sei komplett gefördert worden. GKN gab auch einem jungen Mann mit Autismus-Spektrum-Störung eine Chance. Nach einem Praktikum ist er nun Auszubildender zum Fachlageristen. Nach anfänglicher Skepsis in der Belegschaft seien jetzt alle darüber „tatsächlich sehr froh“, denn da die Behinderung mit hoher IT-Affinität und Genauigkeit einhergehe, erledige er seine Aufgaben sehr gut.

Bürgermeister Marcus Mombauer (r.) und RBW-Geschäftsführer Volker Suermann (5. v. r.) begrüßten die Gäste, darunter auch Gerhard Zorn (LVR, 5. v. l.), der ins Thema einführte

Bürgermeister Marcus Mombauer (r.) und RBW-Geschäftsführer Volker Suermann (5. v. r.)
begrüßten die Gäste, darunter auch Gerhard Zorn (LVR, 5. v. l.),
der ins Thema einführte

Beate Tewes, Vertrauensperson für behinderte Menschen bei der Start NRW GmbH in Bergisch Gladbach, trug gelungene Inklusionsbeispiele vor. So habe eine Tortenmanufaktur einer lange arbeitslosen 54-jährigen Frau, behindert durch eine Krebserkrankung, eine Chance gegeben. „Es stimmte die Chemie“, was stets sehr wichtig sei. Inzwischen arbeite die Frau Vollzeit –
„ein ganz normales Leben“. Ein Mann mit psychischer Behinderung sei im Event-Bereich „aufgeblüht“ und übernommen worden. Tewes riet Firmen, „den Mut zu haben, es auszuprobieren“. Das unterstrich Martin Geiger, Geschäftsführer des Kardinal Schulte Hauses, dessen 272-Betten-Betrieb gute Erfahrungen mit vier Behinderten in Küche, Housekeeping und Service mache.

Zur abschließenden Diskussionsrunde bat Bianca Degiorgio auch Claudia Schmidt-Herterich vom Beirat für Menschen mit Behinderung. Die Psychologin räumte mit den drei häufigsten Vorurteilen auf. Erstens sei Unkündbarkeit ein Mythos: „Natürlich kriegt man uns los. Erst mal gehen wir selber, wenn es uns nicht gefällt“, und zudem seien auch Behinderte aus wirtschaftlichen Gründen kündbar. Zweitens koste ein Behinderter nicht mehr vom Gehalt her, und alle anderen Kosten seien aufzufangen. Drittens bekämen Behinderte zwar etwas mehr Urlaub, aber es sei falsch zu glauben, Behinderte seien „öfters krank, dürfen keine Mehrarbeit leisten“. Eine Aussage, die andere Podiumsmitglieder bestätigten.

Als Quintessenz des Abends verkündete­ der Erste Beigeordnete Ulrich Kowalewski­, „dass Rösrath im Kreis vorangeht“ und „eine Offensive im Bereich der Ausbildung und der Praktika“ für Behinderte starten werde. Er regte zudem zweimal jährlich einen Runden Tisch an, um behinderten Menschen in der Arbeitswelt mehr Chancen einzuräumen. Dazu passte, bevor RBW-Geschäftsführer Volker Suermann und die übrigen Gäste beim Imbiss Kontakte knüpften, der Abschlussappell von Bianca Degiorgio an die Firmenchefs: „Trauen Sie sich, holen Sie sich Hilfe und legen Sie los!“