Die Bensberger Runde diskutierte im Grandhotel Schloss Bensberg

Leben heißt Veränderung. Auch Unternehmen unterliegen einem ständigen Wandel. Wie sie den gestalten können, erfuhren die rund 30 Teilnehmer des Innovationsforums der RBW bei der joke Technology GmbH in Bergisch Gladbach.

Auch in Zukunft qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen und halten zu können, ist eines der wichtigsten Themen für die Unternehmen im Kreis. Der Zuspruch zur Bensberger Runde unter dem Titel „Attraktive Arbeitgeber in Rhein-Berg – Sieger im Kampf um die Talente“ war dementsprechend groß. Über 60 Geschäftsführer führender Unternehmen im Kreis und Landrat Stephan Santelmann waren der Einladung der RBW ins Grandhotel Schloss Bensberg gefolgt. Bereits zum achten Mal organisierte die RBW das Strategiegespräch über Zukunftsthemen. Die Bensberger Bank, die Volksbank Berg und die VR Bank Bergisch Gladbach – Leverkusen unterstützten die Veranstaltung.

„Wir wollen den Kampf um die Talente gewinnen“, sagte Volker Suermann, Geschäftsführer der RBW, in seinen einleitenden Worten. „Wir müssen genau hinschauen, wie wir unsere Unternehmen aufstellen und entwickeln, um uns gut zu positionieren.“ Impulse, wie dies geschehen kann, gaben Sibylle Stippler und Dr. Regina Flake vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Zu den Themen ihrer Vorträge diskutierten die Teilnehmer im Anschluss in großer Runde und informell in Gesprächen an Stehtischen.

„Bewerben Sie sich doch mal probehalber online beim eigenen
Unternehmen.“
Sibylle Stippler, Institut der deutschen Wirtschaft

„Wir müssen das Image der beruflichen Qualifizierung zurechtrücken.“
SDr. Regina Flake, Institut der deutschen Wirtschaft

Die Referentinnen Sybille Stippler (li.) und Dr. Regina Flake mit Volker Suermann. | Fotos: Lawrenz

„Es gibt viele Engpässe in der Fachkräftesituation, aber sie sind regional heterogen“, sagte Dr. Regina Flake.
Bundesweit sind, basierend auf Zahlen der Arbeitsagentur, fast drei von vier gemeldeten Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben, was bedeutet: Es ist schwierig, sie zu besetzen. Allein im Bergischen Land sind derzeit über 5.000 Stellen bei den Arbeitsagenturen gemeldet. Die größten Engpässe liegen bei den beruflich qualifizierten Fachkräften, zum Beispiel im Bereich Mechatronik und Automatisierungstechnik sowie in der Altenpflege. Kaum erstaunlich sind auch wachsender Bedarf wie Engpass bei Informatikern und Softwareentwicklern.

Der Trend zum Abitur setzt sich fort. „Über die Hälfte der Jugendlichen zwischen 20 und 24 haben Abitur“, berichtet Flake. „Viele Abiturienten wollen aber nicht ins Ausbildungssystem – die wollen studieren.“ Zudem wollen die Jugendlichen -häufig nicht das, was die Unternehmen glauben und in ihren Stellenanzeigen anpreisen. Aufstiegschancen zum Beispiel rangieren recht weit hinten in der Prioritätenliste. Ganz oben stehen ein sicherer -Arbeitsplatz, gutes Arbeitsklima und Wohnortnähe.
Sibylle Stippler machte drei Bereiche aus, die auf dem Weg zum „Talentmagneten“ wichtig sind: Anziehungskraft, Personalarbeit und Sichtbarkeit. Was die Sichtbarkeit angeht, empfahl sie Online-
Maßnahmen und Authentizität. Auf der Website dürften „Fotos mit echten Menschen in echten Arbeitssituationen“ nicht fehlen. „Mitarbeiter sind die besseren Headhunter“, sagte sie, vor allem auch im Social-Media-Bereich.

Franz Peter Rott hat das in der Firmengruppe Witte bereits umgesetzt: „Wir haben Interviews mit unseren Auszubildenden auf der Website dargestellt und in den sozialen Netzwerken verlinkt. Einer unserer Auszubildenden ist als ‚Ausbildungsbotschafter IHK‘ unterwegs und nimmt an entsprechenden Veranstaltungen teil und beantwortet Fragen direkt. Die Azubis können Fragen potenzieller Bewerber auf Augenhöhe beantworten. Das ist erst mal ungewohnt, hat sich aber bewährt.“

„Wir sollten Lehrer verpflichten, einen Tag im Jahr in Betriebe zu gehen.“
Fred Arnulf Busen, POLYTRON

„Flexible Arbeitszeiten funktionieren nur, wenn die Mitarbeiter das Konzept mittragen.“
Kim Bauer, Netempire

Von ungewohnten Online-Wegen berichtete Dieter Andreschak von der Memotech IT Services GmbH. Über das sogenannte Reverse Recruiting, bei dem sich Unternehmen bei potenziellen Arbeitskräften bewerben statt umgekehrt, hatte die Memotech schnelle Erfolge. „Wir haben über die Plattform innerhalb von zwei Wochen fünf Bewerber zu Gesprächen einladen können“, sagte Andreschak.

Stark im Mittelpunkt standen auch die, die erst in naher oder sogar weiterer Zukunft zum Bewerberkreis zählen werden: die jetzigen Schüler. „Es gibt 328 Ausbildungsberufe“, sagte Dr. Regina Flake. „Bei Abiturienten sind aber oft höchstens zehn wirklich gut bekannt.“ Im RBK dürfte diese Durchschnittszahl jedoch höher liegen. Viele der anwesenden Unternehmen bestätigten, dass sie an der Berufsfelderkundung teilnehmen und/oder individuelle Partnerschaften mit Schulen haben. Auch Angebote wie das Online-Bewerberbuch und das MINT-Netzwerk werden genutzt. „Im RBK gibt es bereits viele, sehr innovative Maßnahmen“, fasste Volker Suermann die Aktivitäten zur Zusammenarbeit mit Schulen zusammen.

Beim Stichwort Personalarbeit nannte Sibylle Stippler insbesondere Investitionen in Weiterbildung und die flexible Wahl von Zeit und Ort anstelle von Präsenzkultur. Letzteres wurde in der Runde kritisch gesehen. „Wir sind ein Produktionsstandort. Wir können die Maschinen nicht zum Mitarbeiter nach Hause bringen!“, sagte Fred Arnulf Busen von der POLYTRON Kunststofftechnik GmbH & Co. KG. „Das wird zu wenig thematisiert und junge Bewerber sind diesbezüglich manchmal etwas unreflektiert.“ Busen erhielt zustimmendes Kopfnicken bei seinen Kollegen aus dem produzierenden Gewerbe, aber auch aus der Dienstleistungsbranche. Auch dort würden flexible Arbeitszeiten nicht zu jeder Zeit und an jeder Stelle funktionieren.

Vielfach diskutiert wurde der Aspekt, dass die Unternehmenskultur ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für das Gewinnen und Halten von Fachkräften sei. „Ein Kulturwandel ist ein hartes Stück Arbeit, das man erleben muss und nicht bestimmen kann. Wenn die Kultur sich wandelt und die Vorteile erkannt werden, dann möchte jeder ein Teil der Veränderung sein“, sagte Dr. Jörg Morgner, der sich mit seiner Temafa Maschinenfabrik GmbH gerade in Vorbereitung eines Prozesses des Kulturwandels befindet. „Die zentrale Frage lautet: Wie gehen wir miteinander um?“ Das habe sehr viel mit Wertschätzung auf allen Ebenen zu tun. „Wenn die Reinigungskraft fehlt, ist es schmutzig“, sagte er. „Es muss rüberkommen: Jeder im Team ist wertvoll und wichtig.“

„Wir brauchen Partnerschaften im Kreis gegen die Konkurrenz aus Köln.“
Hans-Jakob Reuter, gicom

Vom „Feel Good Manager“, der sich explizit um das Wohlbefinden der Mitarbeiter kümmert, hatten bislang die wenigsten Geschäftsführer gehört. Deutsche Vokabeln sind etwas sperriger und heißen zum Beispiel Arbeitsplatzsituationsanalyse. In einer solchen ließ Franz Peter Rott körperliches und psychisches Wohlbefinden seiner Mitarbeiter intensiv untersuchen. „Wir haben im Rahmen unseres Betrieblichen Gesundheitsmanagements zusammen mit der Techniker Krankenkasse eine Arbeitsplatzsituationsanalyse durchgeführt beziehungsweise ist dies noch in der Umsetzung. Das heißt, wir befragen unsere Mitarbeiter und untersuchen das körperliche und psychische Wohlbefinden. Gesundheitsmanagement ist ein ganz wichtiger Aspekt für produktive Betriebe“, berichtete er.
Zum Thema Wohlfühlen hatte auch Sibylle Stippler noch eine studienbelegte Anmerkung speziell an die anwesende Zielgruppe: „Die Führung bestimmt maßgeblich das Arbeitsklima und die Fluktuation“, sagte sie. „Beziehungen aufzubauen ist das A und O!“ Denn eine funktionierende Beziehung sei das, was auch in schwierigeren Situationen den Unterschied machen würde zwischen Gehen und Bleiben.
Insgesamt zeigte sich die Bensberger Runde selbstbewusst und mit dem Glauben an die eigene Anziehungskraft und die eigenen Stärken. „Unser Standort ist gut“, sagte Fabian Rensch von der DEUTA Group GmbH. „Außerdem punkten wir mit mittelständischen Werten. Unsere Mitarbeiter überblicken den gesamten Prozess. Wer bei uns sein Studium abgeschlossen hat, weiß alles – bis dahin, woher er die Schrauben für das Produkt bekommt.“ Die Herausforderungen, auch gegenüber großen Unternehmen und großen Standorten ein „Talentmagnet“ zu sein, nehmen die Un-ter-
nehmer an. Das zeigt nicht nur die hohe Beteiligung an der Bensberger Runde.