Der Innovation immer einen Schritt voraus

Die Bedeutung der Elektrotechnik für das tägliche Leben wird am schnellsten mit der Vorstellung eines vierwöchigen globalen Stromausfalls klar. Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere. Elektrizität ist unsichtbar, aber beinahe überall. Die Elektroindustrie ist dementsprechend vielfältig – auch im Rheinisch-Bergischen Kreis. Was die Unternehmen eint, sind höchste Innovationsfähigkeit, Flexibilität, Qualitätsanspruch und Erfahrung. Auch im Elektrohandwerk geht es um weit mehr als um Kabel und Steckdosen.

Innovationsfähigkeit als Geschäftsmodell

Unternehmen der Elektroindustrie positionieren sich erfolgreich in einem schwierigen Markt

Die Standardfrage vorweg: Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für die Elektroindustrie? Natürlich eine sehr hohe. Die Antworten der Geschäftsführer klingen jedoch gelassen. „Die Digitalisierung war die Idee hinter unserer Gründung“, sagt Claudia Zimmer, Vorsitzende der Delphin Technology AG. Die Gründung liegt immerhin 37 Jahre zurück. Keines der rheinisch-bergischen Unternehmen der Elektroindustrie er-schrickt angesichts der Digitalisierung. „Der technische Fortschritt, die ständige Weiterentwicklung, das ist doch das, was uns antreibt“, sagt Zimmer. Die Chancen technologischer Veränderungen zu nutzen, liegt der Elektroindustrie quasi in der DNA. Eine aktuelle Studie des Zentralverbands Elektrotechnik und Elektroindustrie (ZVEI) sieht sie gar als „Leitbranche und Impulsgeber für die Digitalisierung“.

Mit über 130 Mitarbeitern und einem Umsatz von 27 Millionen Euro entwickelt und produziert ASTRO am Standort Bensberg-Frankenforst

Voraussetzung dafür ist, das hohe Tempo mitzugehen. „Die größte Herausforderung ist, im sich schnell weiterentwickelnden Gebiet der Elektronik up to date zu bleiben“, sagt Andreas Köster, Geschäftsführer der W-IE-NE-R Power Electronics GmbH. „Die Anforderungen der Kunden ändern sich laufend, daher ist die Entwicklung neuer Produkte und Technologien für uns sehr wichtig.“ Rund 20 Prozent der Mitarbeiter bei Wiener arbeiten im Bereich Forschung und Entwicklung. Bei Delphin ist es sogar ein Drittel. Deutschlandweit ist die Elektro-industrie die Branche mit den zweithöchsten Aufwendungen für F&E.

„Acht Prozent unseres Umsatzes fließen in den Entwicklungsbereich“, sagt auch Herbert Strobel, Geschäftsführer der -Astro Stobel Kommunikationssysteme GmbH. Das Unternehmen entwickelt und produziert insbesondere Kopfstellen, Verstärker und Verteilmaterial. Diese haben laienhaft ausgedrückt die Funktion, Satellitensignale aufzunehmen und über ein Breitbandkabelnetz an den Endanwender zu verteilen, damit dieser Bild und Ton an seinen Ausgabegeräten erhält.

Die rasante Entwicklung der Technologie, der Astro kontinuierlich einen Schritt voraus war, kann jeder in seinem Wohnzimmer nachvollziehen:  Aus Schwarz-Weiß wurde Farbe, aus drei TV-Programmen Tausende, aus analog digital. Die Auflösung wird immer höher und derzeit steigt die Nachfrage nach Video-on-Demand-Diensten wie Netflix explosionsartig. Menge und Übertragungsgeschwindigkeit der Daten steigen massiv. „Die Technik für 48 TV-Programme brauchte 1997 noch eine Schrankwand an Komponenten. Heute läuft ein Vielfaches an Daten über eine kleine Box“, sagt Strobel. „Die Anforderungen kommen vom Markt – immer mehr und immer schneller.“

Auch für BÄRO GmbH & Co. KG ist Innovationsfähigkeit das A und O. Mit einer sehr frühen Umstellung auf LED erfüllte der Beleuchtungsexperte die Anforderung der Kunden, Energie sparen zu wollen. Im eigenen Labor werden zum Beispiel Farbspektren und Reflexion hinsichtlich ihrer Wirkung auf die beleuchtete Ware systematisch erforscht. Fleisch wird anders ins rechte Licht gesetzt als Gemüse. Durch die fortschreitende Gebäudeautomation wird Licht zunehmend entscheidender Teil eines digitalen Infrastruktur-Netzwerks. „Daher können wir uns damit beschäftigen, den Kunden Services anzubieten, die ursprünglich mit Beleuchtung gar nichts zu tun hatten“, sagt J. Manuel von Möller.

Alle Unternehmen der Elektroindustrie gehen mit immer kürzeren Entwicklungszyklen um, vor allem aber mit immer mehr Daten – und sie entwickeln gleichzeitig immer kleinere Geräte mit immer mehr Funktionen. Dazu kommen höhere Anforderungen an die Qualität, insbesondere die Ausfallsicherheit. Jede Telekom-IP-Kopfstelle, die bei Astro das Haus verlässt, hat 2.436 Messungen hinter sich.

Spezialist für Messungen ist wiederum die Delphin AG. Mit ihren Messgeräten wird etwa die Lebensdauer von Backofentüren getestet, aber auch der Betrieb gewaltiger Wasserkraftturbinen überwacht. „Fällt das Kraftwerk aus, wird es für den Betreiber sehr teuer“, sagt Claudia Zimmer, „und der Strom ist weg.“ Predictive Maintenance – die vorausschauende Wartung mithilfe von Messwerten – kann enorme Kosten sparen, weil im laufenden Betrieb gewartet werden kann. Je teurer die Maschinen, je komplexer die Prozesse und je anspruchsvoller die Kunden, desto mehr wird Risikominimierung zum Auswahlkriterium von Technik. Diesem Anspruch werden auch die Netzteile von Wiener und die Kopfstellen von Astro gerecht, da sie neben der hohen Qualität auch aus der Ferne gewartet beziehungsweise gesteuert werden können.

Ein ganz anderes Problem mit der Digitalisierung haben die BÄRO-Kunden des Lebensmitteleinzelhandels. Sie begegnen dem Druck zunehmender Online-Angebote mit Investitionen in Erlebniswelten, die der Einkäufer online nicht hat – zum Beispiel mit Gastronomie, die ins Ladenlokal integriert ist. Dabei entstehen neue Anforderungen wie zum Beispiel die Reinigung der Küchenabluft. BÄRO begegnete den neuen Anforderungen mit einem neuen Geschäftszweig: Clean Air Technologies. Ozon bildende UV-C-Strahler, Licht im nicht sichtbaren Bereich, beseitigen Fett. PlasmaStream-Technik, die mittels Hochspannung Moleküle aufspaltet, minimiert Gerüche. „Wir lösen so für unsere Kunden ein Riesenproblem“, sagt von Möller. Was für die Kunden Problemlösung bedeutet, bedeutet für BÄRO Kundenbindung und Neukundengewinnung.

Doch der technische Fortschritt ist nur eine der Rahmenbedingungen, mit denen die mittelständischen Betriebe der Elektro-industrie umgehen müssen. Weitere sind insbesondere: Markt- und Konkurrenzsituation, Komplexität und Infrastruktur.

„Das Hauptproblem ist der zunehmende internationale Wettbewerb“, sagt Herbert Strobel. Bei Receivern wäre Astro gegen die Fernost-Konkurrenz chancenlos – bei Kopfstellen sind sie seit zehn Jahren Marktführer in Deutschland. „Wir können in unserer Branche nicht führen, aber wir können überraschen. Flexibilität, Individualität und Servicebereitschaft gleichen manche Größennachteile aus“, beschreibt J. Manuel von Möller die Chance der KMU in einem Wettbewerb, der von Globalisierung und Großunternehmen geprägt ist.

Das Quartett, mit dem sich alle vier Unternehmen erfolgreich im Markt positionieren, lautet: Flexibilität, Erfahrung, Qualität und Service. „Wir suchen die Nische“, sagt Claudia Zimmer. „Dort können wir schneller Lösungen anbieten oder Anpassungen vornehmen als die große Konkurrenz.“ Auch Andreas Köster sieht die Flexibilität als entscheidend an: „Wir können auch auf Kundenanfragen reagieren, die nicht in eine Großserie passen.“

Dem bewegten Markt begegnen die Unternehmen allem voran mit ihrer Erfahrung und Qualität. „Wir kennen uns in den Fällen aus, wo es schwierig wird“, sagt Strobel. Das Anbieten von kundenindividuellen Komplettlösungen, ein beratender Vertrieb und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit kennzeichnen die Geschäftsmodelle. „Wir verkaufen keine Produkte, sondern Lösungen“, fasst Claudia Zimmer zusammen, was für alle gilt. Dieses Know-how ist es, was die Kunden schätzen und was den rheinisch-bergischen Unternehmen ihre Marktposition sichert, und zwar längst nicht nur in Deutschland.

„Vor 25 Jahren war unser Markt NRW und Exportland Holland“, sagt Herbert Strobel. Heute liefern  die Unternehmen in alle Welt. Delphin liefert nach Brasilien, Europa, Asien und in die USA. BÄRO exportiert über 30 Prozent seiner Produkte, Wiener gar 75 Prozent. Das entspricht dem Branchentrend. Der Anteil an den gesamtwirtschaftlichen Exporten ist bei der Elektroindustrie deutschlandweit mehr als viermal so hoch wie an der Produktion.

„Der Wettbewerb wird immer härter.“
Herbert Strobel –
Astro Strobel

 

Die wachsende Komplexität und Verflechtung von Branchen und Technologien macht zudem die Kooperation mit Zulieferern, Partnern und Kunden wichtiger als je zuvor. Know-how-Transfer läuft in alle Richtungen. „Wenn sich nicht alle Seiten öffnen, kriegen Sie die Lösung nicht hin“, sagt Zimmer. Auch für BÄRO, die nicht selbst produzieren, sondern in deutschen Manufakturen fertigen lassen, sind die Technologiepartner entscheidend. „Auch die Partner haben sich verändert“, sagt von Möller. „Man sucht nach strategischen Gemeinsamkeiten und sieht Allianzen, die es früher so gar nicht gab. Branchen, Ideen, alles wächst enger zusammen.“

„Jede Technologie bietet neue Optionen.“
J. Manuel von Möller – Bäro

Auch im eigenen Unternehmen wachsen Bereiche zusammen. „Die Grenze zwischen Hard- und Software wird immer fließender“, sagt Claudia Zimmer. Ebenfalls die Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und Vertrieb. Alle Geschäftsführer betonen explizit die Erfahrenheit ihrer Mannschaft. Hoch qualifizierte Ingenieure und auch immer mehr Informatiker arbeiten in der Entwicklung, aber auch im Vertrieb, um die komplexe Technik in kundenindividuelle Umgebungen integrieren zu können. Die Anstellung von Spezialisten hat dementsprechend eine hohe Relevanz – mit derzeit unterschiedlichen Erfahrungen. Während Zimmer von „leergefegtem Markt“ spricht, sagt Strobel: „Wir haben bislang Glück gehabt.“

„Unsere Stärke ist unser großer Erfahrungsschatz.“
Claudia Zimmer – Delphin

Bleibt die Infrastruktur, insbesondere der Breitbandausbau. Für Astro Strobel ist er Basis des Geschäfts. Bei anderen bestimmt er Kosten oder Strategie. „Da wir auf bestimmte Anwendungen remote zugreifen, reicht die normale DSL-Versorgung für uns nicht aus“, sagt Andreas Köster. Wiener mietet von der Telekom eine spezielle Leitung. Kosten: mehrere Tausend Euro pro Jahr. Für Delphin stellt sich zum Beispiel die Frage, wie in Zukunft mit webbasierter Software und Cloud-Technologie umzugehen ist. Messdaten, die von überall zugänglich sind, könnten beim Kunden, bei Delphin oder bei Fremdanbietern gespeichert werden. Wohin der Weg geht, wird von mehreren Faktoren abhängig sein – aber auch von Übertragungsgeschwindigkeiten.

Für Geschäftsführer in der Elektroindustrie hat die Zukunft weniger mit Visionen als mit irgendwann eintretender Realität zu tun. In heimische Wohnzimmer werden irgendwann Hologramme und Virtual Reality übertragen werden. Und die Leuchten im Supermarkt werden schon bald über Sensoren und Kameras mit den Handys der Kunden kommunizieren können und ihnen abhängig von ihrem Einkaufs-zettel den Weg durch den Laden weisen. Wie auch immer: Die rheinisch-bergische Elektroindustrie wird vorbereitet sein auf die Zukunft.


Unsere Gesprächspartner

Astro Strobel Kommunikationssysteme GmbH, Bergisch Gladbach
Der Systemintegrator für Kabelnetzbetreiber ist Marktführer für digitale und IP-Kopfstellen in Deutschland. Das Unternehmen entwickelt seine Produkte der Empfangs- und Verteiltechnologie in Kooperation mit allen großen Netzbetreibern und vertreibt sie weltweit. Geschäftsführer Herbert Strobel ist Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Satellit & Kabel.
www.astro-kom.de 

BÄRO GmbH & Co. KG, Leichlingen
Der weltweit aktive Spezialist in den Bereichen Retail Lighting und Clean Air Technologies hat sehr früh komplett auf LED gesetzt. Als Systemlieferant innovativer Lichtlösungen setzt Bäro Waren aller Art im Handel ins rechte Licht. Das Familienunternehmen mit rund 130 Mitarbeitern wird vom Ehepaar Dr. Sandra von Möller und J. Manuel von Möller geführt.
www.baero.de

Delphin Technology AG, Bergisch Gladbach
Das Unternehmen entwickelt und produziert innovative Hard- und Softwareprodukte für die industrielle Mess- und Prüftechnik. Ob für Verfahrenstechnik, Maschinenbau, Chemie, Pharma oder Energie – die Produkte werden weltweit von Mittelstand, Industriekonzernen, Behörden und Forschungslaboren eingesetzt. Das Unternehmen wird geleitet von Claudia Zimmer.
www.delphin.de

W-IE-NE-R Power Electronics GmbH, Burscheid
Das Hightech-Unternehmen entwickelt Produkte zur Stromversorgung (Netzteile) für Forschung und Industrie. Durch eine Spezialisierung auf den Betrieb in starken Magnetfeldern und in radioaktiver Strahlung gehören Großforschungseinrichtungen wie der Teilchenbeschleuniger CERN in Genf zu den Anwendern. Geschäftsführer ist Andreas Köster.
www.wiener-d.com


„Wir werden immer stärker zum Berater“

Neue Technologien als Herausforderung für das Elektrohandwerk

Mit 60 Mitarbeitern und weiteren 29 in verbundenen Firmen agiert das Odenthaler Familienunternehmen Elektro Meißner bundesweit. Es stattet Büro-, Wohn- und Industrie-gebäude aus, Hotels, Schulen und Einkaufszentren. Bekannte Objekte sind die Kranhäuser im Kölner Rheinauhafen und das Hotel Kameha Grand in Bonn. Geschäftsführerin Anke Meißner und Benedikt Lohe, technischer Leiter, sprechen über neue Technologien und Anforderungen und welche Auswirkungen sie auf das Elektrohandwerk haben.

Welche Rolle nimmt die Elektrotechnik heute innerhalb der Gewerke ein?
Meißner: Wir haben eine Schlüsselrolle inne. Nahezu alle Gewerke sind heute -elektrische Verbraucher. Heizung, Klima, Sanitär, aber auch Fliesenleger, Dachdecker wegen SAT- und Fotovoltaikanlagen, Installa-teure von Sonnenschutz oder Küchen. Wir kennen alle Gewerke und schließen somit alle Schnittstellen.

In welchen Bereichen haben neue Technologien die Anforderungen besonders verändert?
Lohe: Die Kunden wollen Greenbuilding, wollen Plaketten, dass sie nachhaltig mit Ressourcen umgehen. Die große Aufgabe dabei ist es, den Strom zu verteilen und möglichst tageszeitabhängig zur Verfügung zu stellen. Neu beim Energiemanagement sind Ladestationen für Elektroautos und -fahrräder. Einzelne Geräte verbrauchen zwar immer weniger Strom, dafür gibt es aber immer mehr Strom verbrauchende Geräte. Allein der Energieverbrauch in Küchen hat sich in den letzten 20 Jahren um das 12-Fache erhöht. Weiterhin sind Smart Building und Smart Home große Themen – also intelligent vernetzte Gebäudefunktionen von Licht über Heizung bis zur Sicherheitstechnik.

Wie hat das Ihre Arbeit verändert?
Meißner: Wir müssen uns mit anderen Fragen beschäftigen als früher. Statt zu fragen „Wo müssen Steckdosen hin?“, fragen wir „Wann muss die Jalousie runterfahren?“ oder „Wann soll die Waschmaschine angehen?“. Die Komplexität steigt und man braucht mehr Rundum- und Weitblick.

Lohe: Wir müssen kontinuierlich Know-how aufbauen, um auf dem Stand der Technik zu bleiben. Beim Licht etwa haben viele Zulieferer nur noch LED und damit andere Energieströme, die wir vorher so nicht kannten. Wo man früher mal eben ein Antennenkabel gelegt hat, geht es heute um Internet, um WLAN-basierte BUS-Anlagen. Vernetzung und  Automatisierung nehmen zu – damit müssen wir umgehen.

Geben Sie doch mal ein Beispiel aus Ihrer Praxis …
Lohe: Nehmen wir mal ein Hotelzimmer wie im Kameha Grand in Bonn. Je nach erwarteter Ankunftszeit des Gastes wird das Zimmer automatisch vortemperiert. Beim Check-in geht schon mal der Fernseher in seinem Zimmer an. Abhängig von der Raumtemperatur werden die Jalousien und die Fußbodenheizung, die auch kühlen kann, gesteuert. Abhängig von der Tageszeit wirft das Licht einen Mond oder eine Sonne an die Wand. Das sind komplexe mess- und regeltechnische Zusammenhänge, die der Hotelgast natürlich nicht sieht.

Wie begegnen Sie den gestiegenen Anforderungen?
Meißner: Wir bieten unsere Leistungen kundenindividuell und mit einem Rundum-Service an – von der Planung bis zur Wartung. Wir werden immer stärker zum Berater. Statt rein handwerklicher Leistungen verkaufen wir Lösungen und Dienstleistungen – und auch unsere eigenen -Ideen.

Lohe: Es gilt auch, individuell zwischen technischen Möglichkeiten und Akzeptanz der Nutzer abzuwägen. Auf der einen Seite gibt es die Möglichkeiten hinsichtlich der Funktionalität, auf der anderen soll alles aber einfach zu bedienen sein. Wenn der Anwender ein Touchpanel mit einem Dutzend Bedientasten bekommt, muss man fragen: Will und kann er damit überhaupt umgehen? Gleiches gilt für die Zukunft und Industrie 4.0. Selbst wenn Waschmaschine und Kühlschrank automatisch bestellen können, ist die Frage, ob das jeder will.

„Wir haben eine Schlüsselrolle inne.“
Anke Meißner – Elektro Meißner

Was bedeuten die Entwicklungen für die Qualifikation und Beschaffung des Personals?
Meißner: Das Personal ist ein Riesenpro-blem. Die Ersten gehen in Rente und der Nachwuchs fehlt. Denen, die man am Personalmarkt findet, fehlt häufig die praktische Erfahrung. Wir bilden jedes Jahr drei Azubis aus und hoffen, dass sie bleiben. Die Personalführung ist deutlich intensiver geworden. Wir stecken viel mehr Zeit in die Betreuung der Mitarbeiter. Das A und O ist, dass sie sich mit der Firma identifizieren. Das ist bei Mitarbeitern aus der Umgebung eher gegeben. Entscheidend ist auch, dass der Meisterzwang bestehen bleibt. Die Technik ist so komplex geworden, dass auf Qualität nicht verzichtet werden kann. Unter Ahnungslosigkeit am Bau leidet immer der Endkunde.

Lohe: Unser Beruf ist noch mal weit vielfältiger geworden. Natürlich sollte man auch noch schrauben können, aber der Alltag besteht längst nicht nur aus Stemmen, Schlitzen und Kabelverlegen. Vielfach muss man sich heute gar nicht mehr die Finger schmutzig machen. Es geht viel mehr als früher um das Denken in Projekten und Zusammenhängen, um Planungen und Konzepte – und um ständige Weiterbildung. Das ist vielen bei der Berufswahl nicht bewusst.

„Wir müssen technisch up to date bleiben.“
Benedikt Lohe – Elektro Meißner

Was wird die nähere Zukunft noch bringen?
Lohe: Die Integration von Sprachsteuerung möglicherweise. Tendenziell immer mehr Automatisierung mit hilfreicher Unterstützung für den Alltag. Der Mensch wird Funktionen immer häufiger über Apps auf Mobilgeräten bedienen als über physische Schalter und Regler.

Meißner: Dafür müssen wir technisch up to date bleiben. Energiemanagement und Beleuchtung werden weiterhin große Themen bleiben. Ebenso der Komplex Schulen.

Und was wird die größte Herausforderung?
Meißner: Die Fachkräfte. Den Rest bekommt man hin. Dafür gilt es, offenzubleiben und zu wissen: Man lernt nie aus.

Elektro Meißner GmbH
Osenauer Straße 4
51519 Odenthal
www.elektro-meissner.de

Das 1965 von Rüdiger Meißner (links) gegründete Unternehmen sucht intensiv nach qualifizierten Arbeitskräften und Nachwuchs-Elektrikern

 


Kreishandwerkerschaft

Gestiegene Anforderungen im Elektrohandwerk

Kreishandwerkerschaft verzeichnet gute Auftragslage bei der Elektroinnung

Gut bis sehr gut ist die Auftragslage im Bereich der Elektroinnung Bergisches Land, heißt es von der Kreishandwerkerschaft. Das bedeutet auch, dass sich das Elektrohandwerk gut angepasst hat an die erheblichen technologischen Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts. „Strippen ziehen“, Steckdosen und Schalter sind zwar nicht Vergangenheit, aber beherrscht wird die Tätigkeit immer mehr von vernetzten, gesteuerten Anlagen. Der Beruf ist deutlich komplexer geworden und erfordert viel Flexibilität. „Die Richtlinien, wie etwas zu verbauen ist, ändern sich viel schneller und häufiger als früher“, sagt Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. „Auch bei den Kunden haben sich Auflagen verändert, beispielsweise für den Brandschutz bei Industrie und öffentlichen Gebäuden, die das Handwerk umsetzen muss.“ Herangetragen werde an den Unternehmerverband insbesondere der Bedarf an Fachkräften auf allen Ebenen. Auszubildende, fertige Gesellen, Meister – das anspruchsvolle Handwerk benötigt dringend qualifizierte Mitarbeiter. Um auch in Zukunft am Markt bestehen zu können, sieht Marcus Otto insbesondere die Notwendigkeit, „dranzubleiben“ und sich ständig weiterzubilden:  „Neugründungen und Übernahmen bestehender Unternehmen sind genauso wichtig wie eine stetige Anpassung der Unternehmen an sich schnell verändernde Rahmenbedingungen.“

Die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land hat knapp 300 Mitgliedsbetriebe im Bereich Elektroinnung im Rheinisch-Bergischen Kreis, im Oberbergischen Kreis und in der Stadt Leverkusen. In ihnen arbeiten knapp 2.100 Beschäftigte und über 300 Auszubildende. Ihr Umsatz beläuft sich insgesamt auf rund 147 Millionen Euro (Basis 2016).