Rheinisch-bergische Unternehmen auf dem Weg in die digitale Zukunft

Der digitale Wandel der letzten Jahrzehnte hat nicht nur unser Privatleben, sondern auch den Arbeitsalltag verändert. Ohne Computer und Internet würde die Arbeit heute in vielen Betrieben stillstehen. Mitarbeiter sind über die sozialen Netzwerke miteinander verbunden, digitale Programme erleichtern Arbeitsabläufe und Absprachen untereinander. Arbeitnehmer können sich auf wesentliche Aufgaben konzentrieren und werden von Verwaltungsaufgaben entlastet.

Nun ist im Zusammenhang mit der Digitalisierung immer häufiger von Wirtschaft 4.0, Industrie 4.0 und vom Internet der Dinge die Rede. Was steckt hinter diesen Begriffen? Was bedeutet das ganz konkret für Mittelständler? Welche Chancen – aber auch Risiken – sind damit verbunden?

Wir haben uns auf die Suche nach Antworten begeben und uns in rheinisch-bergischen Firmen – vom traditionsreichen Handwerksbetrieb bis hin zu einem der größten Biotechnologieunternehmen Deutschlands – umgehört, wie sie mit diesem Thema umgehen.

Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie dem Bundesministerium für Forschung und Bildung, die gemeinsam die Plattform „Industrie 4.0“ (www.plattform-i40.de) betreiben, steuert Deutschland auf die vierte Revolution zu. Die erste und zweite Revolution liegen schon länger zurück, bezeichnen sie doch die Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft (Industrie 1.0) sowie die Massenfertigung mithilfe von Fließbändern und elektrischer Energie (Industrie 2.0). Die dritte Revolution (Industrie 3.0/Wirtschaft 3.0) liegt hingegen noch nicht so lange zurück: Es handelt sich um die in den 1970er-Jahren begonnene Automatisierung durch Elektronik und IT. Und jetzt soll schon 4.0 folgen?

Die Vision von Wirtschaft 4.0 basiert auf der Tatsache, dass analoge und digitale Welt immer weiter zusammenwachsen. Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren direkt miteinander. Produktions- und Logistikprozesse zwischen Unternehmen in demselben Produktionsprozess werden intelligent miteinander verzahnt, um die Produktion noch effizienter und flexibler zu gestalten.

Pauschale Aussagen zur gegenwärtigen Position des deutschen Mittelstands auf diesem Weg lassen sich nicht treffen. Abhängig von der Unternehmensgröße, der Branche, der Geschäftsführung und der Marktsituation sind in einigen mittelständischen Unternehmen bereits erste Schritte umgesetzt. Bei der Datenerfassung und -verarbeitung wurde laut Bundeswirtschaftsministerium ein „mittlerer bis hoher Umsetzungsstand“ im Mittelstand festgestellt. „Elektronische Datenerfassung ist größtenteils bereits Standard“, heißt es aus Berlin weiter. Der erste Schritt in Richtung Wirtschaft 4.0 sei somit getan. Zahlreiche Studien zeigen jedoch auch, dass das Wissen über die Chancen und neuen Geschäftsmöglichkeiten digitalen Wirtschaftens und Arbeitens insbesondere im Mittelstand bisher noch wenig verbreitet ist. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen in der 2015 durchgeführten Readi­ness-Studie bezeichnet sich beispielsweise als abwartend in Bezug auf Industrie 4.0.  Gerade einmal zwölf Prozent der für die gleiche Studie befragten Unternehmen sind der Meinung, bereits vieles umgesetzt zu haben, was in diesen Bereich fällt. Demgegenüber stehen 19 Prozent, die davon noch gar nichts umgesetzt haben. 33 Prozent sind in der Anfangsphase der Umsetzung. „Darum ist es uns wichtig, Unternehmen in dieser wichtigen Phase zu unterstützen und auf dem Weg zu begleiten“, sagt RBW-Geschäftsführer Volker Suermann.

Denn: Die vierte Revolution stellt Unternehmen vor große Herausforderungen, denn sie betrifft verschiedene Dimensionen.


Dimension Technik

Vernetzung verschiedener Arbeitsabläufe und Prozesse

Mitte der 1970er-Jahren wäre das vor Ihnen liegende Magazin vermutlich noch von einem Schriftsetzer Zeile für Zeile gesetzt worden, nachdem die handschriftlichen oder auf der Schreibmaschine getippten Manuskripte auf seinem Schreibtisch gelandet wären. Was gerade einmal 40 Jahre her ist, ist heute unvorstellbar, wie Rolf Kürten, Geschäftsführer der Bergisch Gladbacher Kürten & Lechner GmbH, mit einem Lächeln sagt. Das Unternehmen ist auf den Druck von großformatiger Außen- und Verkehrsmittelwerbung spezialisiert und machte unter anderem durch ein 45 mal 64 Meter großes Riesenbanner mit der „Wir sind Papst“-Titelseite der BILD-Zeitung am Axel-Springer-Haus in Berlin auf sich aufmerksam.

Im 2011 fertiggestellten Digitaldruckzentrum stehen verschiedene Druckmaschinen – vom Siebdruck über Offset (KL verfügt über das weltweit größte UV-Offsetformat) bis hin zum Digitaldruck, bei dem bis zu acht Farben auf einer Länge von fünf Metern nahtlos gedruckt werden können. „Da die Drucktechniken bei uns auch kombiniert werden können, stehen den Kunden ganz neue Lösungen offen“, sagt Kürten.

Dabei sind die verschiedenen Arbeitsabläufe und Prozesse miteinander vernetzt: Kunden können online die Kosten für ihr Projekt am Etat-Rechner kalkulieren und erhalten zudem in einer App wichtige Hinweise zur Anlieferung ihrer Daten sowie Anleitungen und Tipps zur Verklebung und Verwendung der Produkte. Für die Gestaltung betreibt und pflegt das Team von KL viele kundeneigene Datenbanken mit Motiven und Daten, die den Kunden bzw. ihren Agenturen 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen. Die Druckdaten werden digital nach Bergisch Gladbach übertragen, dort werden sie – natürlich ebenfalls digital – sorgfältig kontrolliert und aufbereitet und exakt auf die Druckmaschinen abgestimmt. Auch in der Logistikabteilung kommt modernste Technik zum Einsatz, sodass auch Versandanforderungen mit mehreren Tausend Lieferadressen kein Problem darstellen.
Ein weiteres gutes Beispiel für ­Digitalisierung ist die Soennecken eG in Overath. Um ihren Mitgliedern ein deutlich größeres Sortiment von 20.000 Lagerartikeln anbieten zu können, hat die Genossenschaft im vergangenen Jahr einen Schritt in die logistische Zukunft gemacht. Im neuen Autostore des Overather Zen­trallagers finden in 9.000 Behältern über 6.000 verschiedene Artikel auf kleinstem Raum Platz. Regale und Gänge sucht man dort vergeblich.

250 Behälter pro Stunde schaffen die zehn Roboter, die im neuen Autostore der Soennecken eG die Bestellungen der Kunden zusammensuchen.

Zehn rote Roboter sausen dort auf Schienen über ein Behälterfeld. Jeder von ihnen hat einen Auftrag. Irgendwo in den viereinhalb Metern unter seinem Arbeitsgebiet liegt in einem von 9.000 Behältern der Artikel, den ein Kunde gerade bestellt hat – und der zeitgleich mit der Ankunft des Pakets über ein Förderband beim Kommissionierer ankommt. Hierfür sind die Roboter, die eine Leistung von 250 Behältern pro Stunde haben, mit je zwei Wareneingangs- und Kommissionierports gekoppelt. Wie in einem riesigen drei­dimen­sionalen Verschiebepuzzle setzen die Roboter Behälter in Gang, graben sie aus den Tiefen des Rasters nach oben und schieben sie kreuz und quer über das Schienennetz. Mit jetzt 20.000 Lagerartikeln hat die Genossenschaft ihr Angebot innerhalb von zwei Jahren um fast 50 Prozent gesteigert. In den Autostore hat die Soennecken eG rund drei Millionen Euro investiert. „Eine Investition in die Zukunft“, wie der technische Leiter Dirk Leischner sagt. Bei Bedarf kann das System um weitere Roboter und Anbauten ergänzt werden.


Dimension Organisation

Einheitliche Software-Architektur & „Internet of Things“

Bei der Miltenyi Biotech GmbH im Bergisch Gladbacher TechnologiePark beschäftigt sich seit etwa eineinhalb Jahren eine mittlerweile 14-köpfige Gruppe speziell mit dem Thema Digitalisierung bzw. Industrie 4.0. Ihre Kernaufgabe ist es, eine einheitliche Software-Architektur für die unterschiedlichsten Geräte und Anwendungen aufzubauen, damit diese noch besser und intelligenter als bislang miteinander kommunizieren können. „Wir nehmen hier das sogenannte Internet of Things als Vorbild“, erläutert Geschäftsführer Norbert Hentschel. „Statt – wie bislang – selbst Gegenstand der menschlichen Aufmerksamkeit zu sein, soll das ,Internet der Dinge‘ den Menschen bei seinen Tätigkeiten unmerklich unterstützen.“ Hentschel: „Digitalisierung ist kein Hexenwerk. Und wir müssen nicht alles neu erfinden, sondern können uns auch Dinge in der Heimsteuerungswelt oder Unterhaltungsindustrie abschauen.“

„Fachkräfte zu finden, die die Digitalisierung in Unternehmen nach vorne bringen können, gestaltet sich schwierig.“
Alexandra Berg, Tischlerei Berg

 

 

Selbst in klassischen Handwerksbetrieben wie Tischlereien beziehen sich die Digitalisierungsmaßnahmen nicht mehr nur auf computergesteuerte Maschinen. So scannen die Mitarbeiter der Tischlerei Berg aus Overath ihre Zeiten voll digital.

Ein gutes Beispiel sei der intelligente Kühlschrank, der in manchen Haushalten bereits Realität ist: Der Kühlschrank regis­triert, welche Lebensmittel vorhanden sind. Wird ein benötigtes Lebensmittel entnommen, wird es auf die Einkaufsliste gesetzt oder sogar direkt beim Online-Händler des Vertrauens bestellt. Das wird künftig auch mit den Miltenyi-Verbrauchsmaterialien möglich sein. „Es wird – basierend auf einer einheitlichen Schnittstelle – nur noch ein Benutzerkonto geben, darin integriert der personalisierte Webshop und ein Profil, das anzeigt, welche Geräte ich eigentlich habe“, kündigt Hentschel an. Eine echte Erleichterung für den Kunden, der sich so eine Inventur und die manuelle Eingabe von benötigten Verbrauchsmaterialien sparen kann.

Miltenyi arbeitet parallel an weiteren Lösungen, die Abläufe beim Kunden optimieren und Kosten einsparen sollen. Hentschel: „Es vergeht erfahrungsgemäß viel Zeit im Labor damit, Geräteeinstellungen vorzunehmen. Künftig wird das bereits vorher offline möglich sein. Die entsprechenden Daten werden in einer Cloud gespeichert und per Knopfdruck überspielt. So kann man im Labor direkt mit dem Experiment beginnen und muss nicht warten.“

Hochmodern sind nicht nur die Labore und Forschungsansätze bei Miltenyi Biotech in Bergisch Gladbach-Moitzfeld. Auch die Digitalstruktur des ­Unternehmens orientiert sich an den neuesten Trends.

Auch im Handwerk spielt die Digitalisierung mittlerweile eine große Rolle. In der Ausgabe 02/16 haben wir bereits mehrere innovative Unternehmen aus dem Bereich Sanitär – Heizung vorgestellt, aber auch viele andere Branchen – samt Backoffice – sind im Wandel. Ein Beispiel ist die traditionsreiche Tischlerei Berg, die vor mehr als 250 Jahren gegründet wurde und seit Mitte der 1970er-Jahre in Ove­rath ihren Firmensitz hat. Seit 2014 gibt es eine App kostenlos fürs Smartphone. „Alle Neuigkeiten, Fotos, Veranstaltungen und Termine landen so direkt in der Hosentasche“, wirbt die Tischlerei, die auch bei ­Facebook, Twitter, Instagram und Google+ vertreten ist. Und auch intern läuft vieles digital: Die Zeiterfassung erfolgt längst nicht mehr auf Papier, sondern per Scannercode. „Die Mitarbeiter sind mit einem Scanner ausgestattet oder nutzen ein spezielles Smartphone-Programm“, so Geschäftsführerin Alexandra Berg, die sowohl eine Ausbildung zur Groß- und Einzelhandelskauffrau als auch zur Tischlerin abgeschlossen hat. Und das kommt bei den Mitarbeitern durchaus positiv an: „Sie freuen sich, dass sie nicht mehr so viel Schreibkram haben, sondern mehr Zeit für ihre Kernkompetenzen.“

„Da die Drucktechniken bei uns auch kombiniert werden können, stehen den Kunden ganz neue Lösungen offen.“
Rolf Kürten, Kürten & Lechner

 


 

Dimension Mensch

Bislang allein spielende Solisten im Orchester zusammenführen

Eine Digitalgruppe einzurichten sei rückblickend genau die richtige Entscheidung gewesen, sagt Miltenyi-Geschäftsführer Hentschel. Vorher habe es verschiedene Entwicklergruppen gegeben, die in ihren jeweiligen Bereichen sehr gute Ideen umgesetzt hätten. „Jede für sich hat wunderbar funktioniert“, so Hentschel. „Aber die Kommunikation untereinander funktionierte nicht sauber. Das ist wie bei einem Konzert: Wenn einige wenige Instrumente etwas anderes spielen, als der Dirigent vorgibt, ist es kein Genuss für den Zuhörer.“ So sei es den Kunden auch gegangen, „die sich zum Beispiel wunderten, warum sie sich für unterschiedliche Miltenyi-Anwendungen separat registrieren mussten.“ Die Digitalgruppe sei das Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Abteilungen. „Hierfür wurde nirgends Personal abgezogen“, so Hentschel. „Es handelt sich um Arbeitsplätze, die zusätzlich entstanden sind.“ Ein gutes Beispiel also, dass Digitalisierung keineswegs Jobs kosten muss – im Gegenteil. „Wir wollen weiter wachsen und würden auch gerne zusätzliche Programmierer einstellen“, so Hentschel. Die seien allerdings schwer zu finden. „Insofern arbeiten wir hier derzeit auch mit Freelancern, versuchen aber parallel alles, um die Programmierer an uns zu binden.“

Dass es schwer ist, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, bestätigt auch Alexandra Berg. Ein Problem sei die häufig veraltete Ausstattung in den Berufskollegs. Während in vielen Tischlerbetrieben moderne CNC-­Maschinen längst Standard sind, ist für Berufskollegs die rund 100.000 Euro teure Anschaffung häufig nicht zu stemmen. Zumindest für den Rheinisch-Bergischen Kreis konnte diese Hürde Ende 2014 genommen werden, nachdem einige Förderer – darunter die Tischlerinnung Bergi­sches­ Land und die RBW – das Geld für die Anschaffung einer solchen Maschine zur Verfügung stellten. „Es wird also in Zukunft besser werden, CNC-qualifizierten Nachwuchs zu finden“, sagt Alexandra Berg, die bis dahin auf betriebsinterne Weiterbildung und externe Schulungen setzt – und auf die eigene Ausbildung. Derzeit bildet die Tischlerei Berg sechs junge Menschen aus – „und wir möchten sie danach gerne übernehmen“, so die Geschäftsführerin.

Über 130 Mitarbeiter sind bei Bewotec mit Programmierung und Support von Softwarelösungen für Reisebüros und -veranstalter ­beschäftigt. Trotz aller Digitalisierung bleibt ein Rest analoger Welt auch hier noch erhalten:
Große Projektwände, die Status, Aufgaben und Fortschritt dokumentieren, sind in den Fluren klassisch mit Karten und Stecknadeln bestückt.


RBW-Wirtschaftsforum am 28. März 2017

Rhein-Berg 4.0: Unternehmen gestalten ihre digitale Zukunft

Unter dem Motto „Rhein-Berg 4.0: Unternehmen gestalten ihre digitale Zukunft“ veranstaltet die RBW am ­28. März 2017 ab 18 Uhr ein Wirtschaftsforum. Gastgeber ist die Miltenyi Biotech GmbH, Friedrich-Ebert-Straße 68, in Bergisch Gladbach. Nach der Begrüßung durch RBW-Geschäftsführer Volker Suermann, einem Grußwort von Landrat Dr. Hermann-Josef Tebroke und einer kurzen Unternehmensvorstellung durch Miltenyi-Geschäftsführer Norbert Hentschel referiert Prof. Dr. Thomas Thiessen, Konsortialleiter der Mittelstand-4.0-Agentur Kommunikation.
Anschließend berichten mehrere Unternehmensvertreter auf dem Podium, wie sie mit dem Thema Digitalisierung umgehen. Der Abend endet mit einem Get-together.

Anmeldungen zum RBW-Wirtschaftsforum
bitte telefonisch unter +49 2204 9763-0 oder per E-Mail: info@rbw.de


Dimension Geschäftsmodelle

Onliner entwickeln sich weiter, Offliner nutzen zusätzlich Online-Möglichkeiten

Die Digitalisierung hat Unternehmen ganz neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Branchen haben sich dadurch verändert oder sind im Wandel. Ein Beispiel ist die Tourismusbranche. Die Bewotec GmbH entwickelt und vertreibt seit fast  30 Jahren Software für Reisebüros und Veranstalter. Damit ist das Rösrather Unternehmen ein Urgestein in der Branche. „Früher wurden im Reisebüro die Faxe der einzelnen Veranstalter, auf denen aktuelle Angebote vermerkt waren, gesammelt“, erinnert sich Geschäftsführer Michael Becher. Ansonsten konnte aus dem Katalog­angebot gebucht werden. Die TUI hatte vor zehn Jahren rund 10.000 Hotels im Angebot, die von Einkäufern ausgewählt und in die Systeme eingebucht wurden. Heute sind es rund 170.000 Hotels. „Die hält TUI aber in Wirklichkeit gar nicht vor, sondern bucht diese in Millisekunden, wenn es eine entsprechende Kundenanfrage gibt.“
Auch die Arbeit der Reisebüros habe sich dadurch gewandelt. Die Bewotec GmbH, die vom Ein-Mann-Unternehmen zu einem Arbeitgeber für 130 Mitarbeiter gewachsen ist, verknüpft in einer Softwarelösung Online- und Offlinewelt. „Der Kunde, der sich im Reisebüro beraten lässt, bekommt am Ende eine App mit mehreren vorselektierten Angeboten mit nach Hause und kann sich dort in aller Ruhe über das Reiseziel, das Hotel, die Umgebung, das Wetter und viele weitere Details informieren. Wenn er sich für eine Buchung entscheidet, wird diese direkt an sein Reisebüro gesendet. Becher: „Während man früher ein Reisebüro brauchte, um eine Reise buchen zu können, übernehmen sie heute die Rolle des Navigators durch eine schier unendliche Angebotsvielfalt, die viele Kunden überfordert.“

Ein gutes Beispiel, wie in einem Geschäftsmodell digitaler und stationärer Handel miteinander verwoben werden können, ist die Golf und Günstig OHG. Seit 2007 ist das Unternehmen im Gewerbegebiet Linde/Irlen ansässig und hat 2012 die Fläche durch einen Hallen-Neubau von 500 auf 1.250 Quadratmeter aufgestockt. Den Hauptumsatz erzielt Golf und Günstig durch den Online-Shop, in dem 5.000 Artikel – vom Schläger über Trolleys bis zur Bekleidung – erhältlich sind. „Hohe Qualität, namhafte Hersteller, aber zu günstigen Preisen“, lautet die Devise der Geschäftsführer Helmar Hagemann und Harry Rupnik. Hierfür verzichte man auf aufwendig gestaltete Showrooms in 1-a-Lage und setze auf effektive innerbetriebliche Strukturen. Für Sicherheit sorgt eine SSL-Verschlüsselung aller relevanten Daten, zudem ist man Google-zertifizierter Händler und Trusted Shop (mit einer sehr guten Bewertung von 4,73 von 5 möglichen Punkten). „In Zeiten, in denen man immer wieder von betrügerischen Online-Händlern und Fake-Shops hört, ist das wichtig“, sagt Rupnik. Das Vertrauen der Kunden sei ein wesentlicher Faktor für geschäftlichen Erfolg. Ein weiterer Baustein ist der Megastore in Burscheid, wo Kunden alle Artikel anfassen und teilweise sogar testen können. „Die Kunden kommen dafür aus einem Umkreis von mehr als 50 Kilometern“, sagt Rubotpnik. „Einige nehmen die gewünschten Artikel dann gleich mit, andere schlafen drüber und bestellen sie dann online bei uns.“ Insofern sei die Kombination aus Online-Shop und Megastore optimal.


 

„In Datensicherheit investieren, Mitarbeiter schulen  und sensibilisieren.“
Norbert Hentschel, Miltenyi-Geschäftsführer


Mehr Chancen? Mehr Risiken?

Was die Zukunft der Digitalisierung bereithält

Es steht fest: Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Was wird kommen, was geht? Kann ein 3D-Druck beispielsweise die Arbeit eines Tischlers ersetzen? „Nein, das kann sie nicht“, ist sich Alexandra Berg sicher. „Wir nutzen die Vorzüge der Digitalisierung, beispielsweise dass wir schneller und sogar dreidimensional Skizzen anfertigen können. Und die CNC- und Kantenleimmaschinen nehmen uns Arbeit ab – aber einen guten Handwerker zeichnet neben seinen Fähig- und Fertigkeiten vor allem Kreativität und Ideenreichtum aus. Das kann keine Maschine.“ Ihr Urteil lautet daher: „Die Digitalisierung bietet weitaus mehr Chancen, als dass sie Risiken birgt.“ Ähnlich sieht es auch Miltenyi-Geschäftsführer Hentschel. Er gibt aber zu bedenken: „Die Welt wird immer komplexer. Kleine Fehler können große Auswirkungen haben. Es reicht manchmal schon aus, ein Häkchen falsch zu setzen und sensible Daten sind plötzlich ungeschützt.“ Hier sei es wichtig, in Datensicherheit zu investieren – aber auch Mitarbeiter zu sensibilisieren und zu schulen. „Der Mensch ist meistens die Schwachstelle“, so Hentschel. Dennoch biete die Digitalisierung große Chancen – allerdings nur für Unternehmen, die spätestens jetzt auf den Zug aufspringen. „Wer jetzt stehen bleibt, verliert“, ist er sich sicher. Und es bringe auch überhaupt nichts, die Digitalisierung zu verteufeln und über gute alte Zeiten zu reden. „Es wird auch keiner die Pferdekutsche zurückwollen, obwohl die Gefahr, von einem Auto überfahren zu werden, deutlich größer ist, als unter ein Pferdefuhrwerk zu geraten.“ In Zukunft, ist sich Bewotec-Geschäftsführer Becher sicher, werden überall verfügbare Bots eine immer größere Rolle spielen. Unter einem Bot (von englisch robot „Roboter“) versteht man ein Computerprogramm, das weitgehend automatisch Aufgaben abarbeitet, ohne dabei auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein. Ein aktuelles Beispiel sei Amazon Echo. Dies ist ein Audio-­Gerät, das über sieben Mikrofone verfügt und über WLAN mit dem Internet verbunden ist. Wird ein bestimmtes Signalwort gesprochen, so hört Amazon Echo aktiv zu und versucht, die gesagten Befehle umzusetzen. Amazon bietet einen Marketplace für sogenannte Skills an, die von Drittanbietern erstellt werden können. Diese werden dann vom Benutzer hinzugefügt und bieten zusätzliche Funktionalitäten an wie das Steuern des Smart Homes oder die Kommunikation mit einer Bank. In den USA stehen mittlerweile über 3.000 Skills zur Kommunikation mit Webdiensten zur Verfügung. Becher nennt ein Beispiel: „Jemand würde gerne ein Wochenende in Paris verbringen. Der Bot macht zunächst Vorschläge für Hotels, bis sich der Bank-Bot einmischt und mitteilt, dass das Konto leider nicht ausreichend gedeckt ist. Ist aber kein Problem, weil der Finanzamt-Bot mitteilt, dass es übernächste Woche ja eine Rückzahlung gibt, sodass der Bank-Bot direkt eine Zwischenfinanzierung anbietet.“ Becher: „Wer jetzt vom ,gläsernen User‘ spricht, sollte sich bewusst machen, was bereits heute jedes Handy im Hintergrund protokolliert und speichert.“ Sein Fazit lautet daher: „Die Digitalisierung macht vieles einfacher und eröffnet viele Chancen, aber man sollte sich auch über Risiken bewusst sein.“



„Reisebüros übernehmen heute die Rolle des  Navigators durch eine schier unendliche
Angebotsvielfalt.“
Michael Becher, Bewotec-Geschäftsführer


Interview

Digitale Möglichkeiten nutzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben

RBW will Unternehmen mit verschiedenen Angeboten zum  Thema Digitalisierung sensibilisieren und konkret unterstützen

Die RBW widmet sich intensiv dem Thema Digitalisierung. Was macht das Thema für die Wirtschaft so bedeutend?
Suermann: Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung überprüfen Unternehmen ihre Geschäftsmodelle und Prozesse. Daraus ergeben sich vielfältige neue Herausforderungen und Chancen für die Wirtschaft. Die Digitalisierung ist zu einem der wichtigen Querschnittsthemen der gesamten Wirtschaft geworden und zieht sich quer durch alle Branchen – vom Einzelhandel über das Handwerk bis zur Industrie – und Stufen der Wertschöpfung. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten sich Unternehmen mit den digitalen Möglichkeiten auseinandersetzen.

Was ist für das Jahr 2017 konkret geplant?
Swaczyna: Wir möchten mit verschiedenen Angeboten die Unternehmen für das Thema Digitalisierung sensibilisieren und konkret unterstützen. Dazu gehören Veranstaltungen wie z. B. das nächste Wirtschaftsforum, zielgruppenspezifische Seminare und Besuche in Demonstrationszentren, aber auch die individuelle Unterstützung durch die RBW mithilfe eines regionalen Expertennetzwerks. Des Weiteren können Unternehmen oftmals durch Förderprogramme auf dem Weg zur Digitalisierung unterstützt werden. Auch hier hilft die RBW, das richtige Förderprogramm zu finden.

Das ist ein volles Programm. Mit wem arbeiten Sie dabei zusammen?
Swaczyna: Neben vielen regionalen Partnern sind das z. B. die Mittelstand-­
4.0-Kompetenzzentren des Bundes. Sie bieten passgenaue Informationen und Qualifikationen sowie praxisnahe Anschauungs- und Erprobungsmöglichkeiten für Unternehmen zu verschiedensten Themen der Digitalisierung. Außerdem kooperieren wir eng mit dem neuen Digital Hub Cologne. Der Hub will innovative Start-ups und Ideen mit Unternehmen, Wissenschaft und Industrie zusammenbringen, damit diese gemeinsam digitale Geschäftsmodelle entwickeln.

Der Rheinisch-Bergische Kreis ist also für diese Aufgabe gut aufgestellt?
Suermann: Ja, das ist er! Wir haben innovative Unternehmen, die sich täglich erfolgreich neuen Fragen und Entwicklungen stellen. Für die RBW werden Dienstleistungen im Kontext der Digitalisierung auch zukünftig ein wichtiges Tätigkeitsfeld sein. In den nächsten Jahren werden wir daher unter dem Titel „Rhein-Berg 4.0 – Digitalisierung von Arbeit und Wirtschaft gestalten“ die rheinisch-bergische Wirtschaft auf ihrem digitalen Weg intensiv begleiten.

www.digital-in-nrw.de
www.digitalhub.cologne


Ihr Ansprechpartner
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